Weinberge an der Mittelmosel, Foto Lönarz

Geisenheim auf den Punkt gebracht – ein schöner Atrikel in der Zeitung:

WELT, 25. April 2010 von Christian Göldenboog
URL: http://www.welt.de/die-welt/lifestyle/article7325048/Wein-Gesang-aber-jede-Menge-Arbeit.html

Früher hat Hans Reiner Schultz noch darüber gestaunt: Einmal pro Woche, immer dann, wenn der Professor an der Hochschule RheinMain in Geisenheim während der Semesters seine Vorlesung über Weinbaukunde abhält, sitzen in der erste Reihe des Auditoriums keine Fünfundzwanzigjährigen, sondern Leute, die voll im Berufsleben stecken. Inzwischen hat sich Schultz daran gewöhnt: Da sitzt ein Chemiker einer linksrheinischen Pharmafirma oder ein gestandener Mediziner, und alle haben sie eines im Sinn: Nach der Berentung oder gar schon vorher wollen sie sich den Traum erfüllen.

Ihr Traum ist das eigene Weingut. Warum auch nicht – haben nicht einige Güter im benachbarten Rheinhessen gezeigt, wie man innerhalb von zehn Jahren aus dem Nichts zu Shooting-Stars der Szene avancieren kann? Einige der Spätstudenten sind von Russel Crowes Performance in „Ein gutes Jahr“ beeindruckt, in dem sich ein Londoner Börsenhai in ein Weingut in der Provence verliebt. Und produziert nicht auch inzwischen Gérard Depardieu im richtigen Leben Wein? All dies, so Schultz, habe Zeichen gesetzt. Sicherlich, häufig würde das Winzerleben in den Medien glorifiziert werden: Der Geisenheimer Professor stammt selbst aus einem kleinen Familienbetrieb an der Mosel. In den dortigen Steillagen ist er groß geworden, er weiß, dass viele junge Leute nicht nur dort keine große Lust auf die harte Arbeit im Weinberg hatten.

Derzeit sind 1150 Studierende auf dem Campus in Geisenheim zu Hause, und Schultz, der auch hier studierte, macht einen signifikanten Trend aus: Nicht nur die Aussteigermentalität breitet sich aus, auch die Seiteneinsteiger nehmen deutlich zu. Inzwischen stammen 50 Prozent der Studierenden aus Familien, die nie etwas mit Weinanbau zu tun hatten. Vor 30 Jahren, so erinnert sich Schultz, machten die Eltern ihren Kindern gerne Druck, ein Studium in Geisenheim zu absolvieren, um dann den Betrieb zu übernehmen. Manchmal habe da schon die Begeisterung gefehlt. Und ohne Begeisterung wird niemand guter Winzer. Seinerzeit hatten die Betriebe Schwierigkeiten, überhaupt Auszubildende zu finden. Inzwischen hat sich der Zeitgeist gedreht: Seit Mitte der 90er-Jahre gibt es einen regelrechten Boom in die Weinbranche hinein. Wein, vor allem deutscher Riesling, gilt als cool.

Hans Reiner Schultz ist gleichzeitig Direktor der Forschungsanstalt Geisenheim, einer der ältesten Einrichtungen des Wein- und Gartenbaus im deutschsprachigen Raum, gegründet 1872 durch den Freiherr von Lade und die damalige preußische Landesregierung. Noch heute ist am Ortsausgang in Richtung Rüdesheim die seinerzeit erbaute „Villa Monrepos“ mit ihrem Park zu bewundern. Die dazugehörigen Obstanlagen bildeten einst den Grundstock der Anstalt.

(…)

Natürlich gibt es eine enge Verknüpfung zwischen der Forschungsanstalt und der Hochschule RheinMain. Diese hat über 9000 Studenten und mit Wiesbaden, Rüsselsheim und Geisenheim drei Standorte, Letzterer steht für die Fachrichtungen Weinbau und Önologie, Getränketechnologie, Gartenbau sowie Landespflege. Neuerdings ist ein Bachelor-Studiengang für „Internationale Weinwirtschaft“ im Angebot. Dieser, da es ihn so nirgends gibt, bedient eine Marktlücke. Betreut werden die Studenten auch von den Mitarbeitern der Forschungsanstalt – alle, die in der Forschung tätig sind, müssen unterrichten. Voraussetzung für ein Studium ist entweder eine abgeschlossene Lehre als Winzer oder Küfer oder ein halbjähriges Praktikum, dem ein weiteres während des Studiums folgen muss. Und noch eine Tendenz lässt sich unter den Studierenden ausmachen – zumindest bei den ausländischen. Kamen diese früher vor allem aus Weinbauregionen wie dem Napa Valley, Ontario und der Toskana oder aus dem die fruchtigen Rieslinge liebenden Japan, suchen inzwischen viele junge Menschen aus den nördlichen und östlichen Ländern Europas den Weg in den Rheingau. Das Stichwort heißt Klimawandel. Mit der Verschiebung der nördlichen Anbaugrenze für den Wein – diese lag bisher beim 50. Breitengrad, also im Rheingau – interessieren sich Ostdeutsche, Letten oder Bulgaren für die Geisenheimer Studiengänge. Diese werden ausschließlich in Deutsch abgehalten; es sei gar nicht vorstellbar, so Schultz, was passieren würde, wenn man Master-Studiengänge in Englisch anböte. Stets ausgebucht ist seit 2006 ein Modul über Weinanbau, das die Geisenheimer für das allgemeine Landwirtschaftsprogramm an der Universität Kopenhagen bereitstellen.

Der önologische Zeitgeist reflektiert auch die ökonomischen Erfolgsaussichtungen für all die Ein- und Aussteiger: 70 Prozent der Absolventen finden innerhalb von sechs Monaten eine Anstellung, die Hälfte davon unbefristet. Viele der Absolventen finden in der globalisierten Weinwelt Jobs, sei es in den USA, Indien oder China. Das beste Beispiel für einen erfolgreichen Seiteneinsteiger findet sich aber nur dreieinhalb Kilometer vom Campus entfernt, auf Schloss Johannisberg. Christian Witte, seit 2005 Domänenverwalter dieses ruhmreichen Guts, studierte Betriebswirtschaft in Marburg und langweilte sich während der drögen Vorlesungen. Dann erinnerte er sich an einen Ratschlag, dem ihm das Winzer-Urgestein Hans-Josef Becker aus Walluf im dortigen Segelclub einmal gab: „Studier in Geisenheim, und du findest überall auf der Welt einen guten Job.“ In der Tat brach Witte sein BWL-Studium ab und ging nach Geisenheim: „Das war die beste Entscheidung überhaupt. Geisenheim bietet das abwechslungsreichste Studium, das überhaupt vorstellbar ist.“

Der Studiengang „Weinbau und Oenologie“ der Hochschule RheinMain in Geisenheim nimmt ausschließlich zum Wintersemester Studienanfänger auf. Es besteht keine Zulassungsbeschränkung. Allerdings ist ein halbjähriges Vorpraktikum erforderlich. Die Regelstudienzeit für einen Bachelor beträgt sechs Semester. Informationsbroschüre als Download unter: www.hs-rm.de/hochschule/bewerben-studieren“


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