Von Bernd Minges, Wiesbadener Kurier, 27.1.2011

„TERROIR Neues Buch des Meteorologen Hoppmann / Hat der Boden doch nicht so viel Einfluss ?

Fünf Millionen Einträge spucken Suchmaschinen bei der Eingabe des Begriffs „Terroir“ aus. Das macht eine Begriffsdefinition nicht einfacher. Als Professor Dieter Hoppmann, der frühere Leiter der Agrarmeteorologie in Geisenheim, sein Buch mit dem Titel „Terroir“ vorstellt, zitiert er gleich zu Beginn den Weinjournalisten und -autor Stuart Pigott: Selbst Fachleute hätten nur eine vage Vorstellung von diesem Begriff. Oft werde die Bezeichnung auch nur als Marketinginstrument genutzt.

Es gibt tatsächlich sehr unterschiedliche Meinungen

In der Diskussion mit Wissenschaftler-Kollegen wird deutlich, dass es tatsächlich sehr unterschiedliche Meinungen über „Terroir“ gibt. Die Weinbauverbände Rheingau und Bergstraße wollen den Begriff künftig offensiv dafür nutzen, um die Besonderheiten einzelner Standorte hervorzuheben und damit ein Gegengewicht gegen einheitliche internationalen Stile schaffen. Dafür gibt es schon seit längerem eine Zusammenarbeit mit der Forschungsanstalt, dem Weinbauamt Eltville und dem Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie.

„Es gibt keinen Weinbau-Standort, der kein Terroir hat“, sagt Hoppmann. Insofern sei es wenig sinnvoll, wenn die Bezeichnung, die kein Qualitätsbegriff sein könne, extra auf der Flasche steht. Das jeweilige Terroir werde bestimmt vom Zusammenspiel von Klima, Geologie, Boden und Topografie. Hinzu kommen die Einflüsse des Pflanzguts und die Arbeit des Winzers im Weinberg und Keller.

Wie berichtet, geht das Terroir-Projekt von verschiedenen Bodentypen aus, die auch das Geschmacksbild des Weins prägen. Agrarmeteorologe Hoppmann sagt aber: Die Zusammenhänge „zwischen Geschmackskomponenten und Bodeneigenschaften können zur Zeit noch nicht wissenschaftlich begründet und abgesichert werden“. In der Diskussionsrunde widerspricht Stefan Muskat, der am Forschungsprojekt in Geisenheim beteiligt ist: Der Einfluss des Bodens sei sehr gut darstellbar und kommunizierbar. So werden zum Beispiel dem Quarzit im Lorcher Bodenthal-Steinberg Eigenschaften wie frische Säure, Fruchtaromen wie Grapefruit und Zitrone sowie Mineralität zugeordnet. Der Lössboden, der mit 34 Prozent der Flächen am stärksten in den hessischen Anbaugebieten verteten ist, zeichnet sich laut Geschmacksprofil des Terroir-Projekts durch ausgeprägte Fruchtaromen, reichem Körper und ausbalancierter Säure aus.

(…)

Häufig unterschätzt, so Hoppmann, werden die Auswirkungen des „Bestandsklimas“ in der jeweiligen Parzelle. Manfred Stoll, Leiter des Fachbereichs Weinbau an der Forschungsanstalt, weist darauf hin, dass es allein schon aufgrund unterschiedlicher Zeilenausrichtung der Rebstöcke zu enormen Unterschieden komme. Klaus Schaller, Bodenkundler und früherer Direktor der Forschungsanstalt, hält den Fluss der Bodenwärme für untersuchungswert. Er schlägt auch vor, dass es innerhalb eines Gebiets Standards im Weinberg und Keller geben sollte, auf die sich alle Winzer verständigen.

Der Klimawandel könnte die Terroir-Diskussion künftig in den Schatten stellen. Das Tempo des Temperaturanstiegs übertreffe alle bisher bekannten Zeitszenarien, betont Hoppmann. In den Jahren 1951 bis 1990 seien die Mostgewichte beim Riesling weitgehend konstant geblieben. Seit 1990 steigen sie in einem vorher nicht gekannten Ausmaß. Den Winzern böten sich beim Rotwein Chancen, stärker mit südlichen Ländern zu konkurrieren. Andererseits werde die Typizität der klassischen Weißweinsorten in den nördlichen Anbaugebieten verloren gehen.“


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