Auszug eines Beitrags von Bernd Minges vom 5.10.2102:

„Im Rheingau hat in den vergangenen Tagen die Hauptlese beim Riesling begonnen. Ideale Bedingungen waren es nicht gerade, als am Donnerstagmorgen Regen einsetzte und die Temperaturen nachts noch ziemlich mild waren. Es gebe schon einige Fäulnisnester, insbesondere bei den Trauben, die gut durch die Blüte gekommen sind und deshalb prall und kompakt sind, sagt Bernhard Gaubatz, Leiter des Weinbau-Außenbetriebs der Forschungsanstalt. „Aber im Augenblick sieht es noch nicht so schlimm aus“. Bei den lockerbeerigen Trauben freuen sich die Winzer noch über gesundes Lesegut. Sie hoffen auf sonniges, aber kühles Hochdruckwetter, wie es ab Sonntag angekündigt ist. Denn wenn es weiter regnet, könnten die Beeren aufplatzen und die Fäulnis würde sich ausbreiten.

Die Weinbauflächen der Forschungsanstalt umfassen rund 34 Hektar. Im Gegensatz zu anderen Winzern müssen die Mitarbeiter nicht nur den richtigen Lesezeitpunkt abpassen, sondern die Ernte auf einer Vielzahl von einzelnen Versuchsflächen koordinieren. „Es ist jedes Mal eine logistische Herausforderung“, erklärt Manfred Stoll, Leiter des Fachgebiets Weinbau. Die Planung beginne schon im August, so Gaubatz, der sich eng mit seinem Kollegen in der Kellerwirtschaft, Johann Seckler, abstimmt.

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Wie aufwendig die Lese unter Versuchsbedingungen ist, zeigt besonders deutlich eine Fläche mit acht Rebzeilen und 370 Rebstöcken, die alle einzeln nummeriert sind. Es geht darum, Ertrag und Qualität in unterschiedlichen Zonen eines Weinbergs zu untersuchen.

Stoll spricht von „ökologischer Präzision“, die künftig immer wichtiger werde. Die Winzer sollen frühzeitig ohne großen Aufwand Informationen über den aktuellen Zustand ihres Weinbergs erhalten und daran die Bewirtschaftung ausrichten. Ein anderes Projekt ist das „Alkoholmanagement“, mit dem die Wissenschaftler in sechs Varianten die Reifeentwicklung steuern und den Weinstil im Wingert beeinflussen wollen. Ziel ist es insbesondere, zu hohe Alkoholgehalte zu vermeiden, die eine Folge des Klimawandels sind. Ein Thema ist auch der Vergleich unterschiedlicher Bewirtschaftungssysteme: Sind im Glas Unterschiede zwischen Weinen, wie sie nach der gängigen Praxis angebaut werden, und ökologisch sowie biodynamisch erzeugten Weinen feststellbar?

In Zusammenarbeit mit Schloss Vollrads analysieren die Experten der Bodenkunde den Einfluss unterschiedlicher Düngung auf die Trauben. Im Rüdesheimer Berg untersuchen sie die Auswirkung der Bewässerung im Steilhang. Auch verschiedene Erziehungssysteme der Reben wie der in jüngster Zeit von einigen Winzern erprobte Minimalschnitt sind bei der Lese getrennt zu berücksichtigen und auszuwerten. Oder die Frage, ob Winzer mit alten Reben, wie es gern behauptet wird, eine bessere Qualität erzeugen als mit jüngeren. Hinzu kommen einzelne Projekte, bei denen Dozenten und Studenten selbst Wein anbauen.

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Geisenheim habe im Gegensatz zu anderen internationalen Forschungseinrichtungen den großen Vorteil, dass sie über eigene Versuchsflächen verfüge, „auf denen wir selbst je nach der Fragestellung die Bewirtschaftung bestimmen können“, betont Fachgebietsleiter Stoll.

Bei all diesen Einzelaspekten und kleinteiligen Flächen kommt eine Lese mit dem Vollernter nicht infrage. An die Verarbeitung und Dokumentation werden hohe Anforderungen gestellt. In den klimatisierten Räumen der Kellerwirtschaft lagern schließlich 120 Partien mit jeweils zwei Glasballons, berichtet Johann Seckler. Hinzu kommt der Wein, der in kleinen Edelstahltanks ausgebaut werde. Jeder Herbst verlangt vom Team um Gaubatz und Seckler „Meisterleistungen der Koordination“.“

Weiterlesen: http://www.wiesbadener-kurier.de/region/rheingau/geisenheim/12480371.htm

 


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