Vieles passiert in Brasilien mit einigen Jahren Verspätung im Vergleich zu Europa und den USA, so auch der Trend hin zu einem alternativem, gesünderen Lebensstil. Bio ist aber auch hier „in“, wer etwas auf sich hält, kauft zumindest einen kleinen Teil seiner Lebensmittel in Bioqualität. Noch hat nicht jeder Supermarkt ökologisch angebaute Produkte im Angebot, aber die großen nationalen und internationalen Ketten liefern sich mittlerweile in diesem Bereich einen regelrechten Kampf mit ihren Eigenmarken, die in möglichst grünem, minimalistischem Design an den Mann und die Frau gebracht werden sollen.

Der Umsatz mit Bioprodukten stieg im letzten Jahr um über 35% (Vergleich Deutschland: 7%) auf umgerechnet knapp 700 Mio € (Vergleich Deutschland: 7,55 Mrd. €). Für ein so großes Land wie Brasilien ist dies sicher noch keine große Zahl, zeigt aber sehr genau, wohin der Hase läuft.

Das passt es ganz gut, die eigentlich in Nürnberg beheimatete Fachmesse für Bioprodukte „Biofach“ auch nach Sao Paulo zu holen. 4 Tage lang zeigten mehr als 300 Aussteller in den Messehallen im Ibirapuera-Park mitten im Stadtzentrum zum Großteil sehr innovative Produktneuheiten, viele brachten aber auch ihr gesamtes Sortiment mit und luden zu Verkostungen ein. Es handelte sich um eine rein nationale Messe, bis auf ein paar internationale Naturkosmetikunternehmen, die aber auch sehr intensiv auf dem lokalen Markt vertreten sind, waren keine ausländischen Firmen vertreten.

Direkt am Eingang warb die vegetarische Gesellschaft Brasiliens für den Verzicht auf Fleischkonsum. Brasilien liegt weltweit fast an der Spitze, was den Pro-Kopf-Verbrauch von Fleisch angeht, weit vor Deutschland und anderen mitteleuropäischen Ländern. Da fällt der Verzicht gar nicht so leicht. Es gibt zwar auch einen Trend hin zum vegetarischen und veganen Leben, jedoch ist dieser nicht so ausgeprägt wie in Europa. Ein paar Hersteller wagten sich mit veganem Schnitzel, Steak und Hackbällchen auf die Messe. Umlagert war aber vor allem der Stand eines veganen Käseherstellers, dessen Käse aus einem Pulver besteht, welches mit Öl und Wasser zu einer cremigen Masse verrührt werden muss, um dann beispielsweise auf Pizza gestrichen zu werden. Für belegte Brote eignet er sich weniger, da dieser Käse vor dem Verzehr erhitzt werden muss. Schade.

Wie auch bei uns gehen viele Hersteller von einer Körneraffinität der potentiellen Käufer aus und haben dementsprechend viel Vollkornlastiges, Müsliartiges und braun Aussehendes im Angebot. Brasilianer essen Müsli gern sehr süß und daher sind die meisten Müslizubereitungen mit Zuckersirup oder Honig gesüßt und anschließend kross geröstet. Weiche, labberige Haferflocken sucht man dort vergebens, die gibt es nur als Backzutat.

Mehrmals bin ich am Stand eines Zuckerherstellers vorbeigelaufen. Aus unraffiniertem Zucker wurde leckere Zuckerwatte an jeden verschenkt, der die Geduld aufbrachte, einige Minuten in einer Schlange zu warten. Schmeckte vorzüglich und hatte definitiv mehr Aroma als die typische weiße Watte aus normalem Zucker.

Es war trotz der großen Bandbreite an Herstellern, Anbauern und Vermarktern gut ersichtlich, dass Brasiliens Biomarkt noch stark in der Wachstums- und Entwicklungsphase steckt. Fertig- und Tiefkühlprodukte nahmen nur einen kleinen Teil der Ausstellungsfläche ein, der Schwerpunkt lag im Frische- und Trockenproduktsektor. Auch waren tierische Produkte unterrepräsentiert. Bis auf zwei oder drei Stände, die Eier und Fleisch im Angebot hatten, waren nur vegetarische und vegane Produkte zu sehen, und das in einem Land, in dem der Fleischkonsum zur nationalen Identität gehört.

Viel passiert in Brasiliens nachhaltiger Landwirtschaft mittlerweile in Form von Kooperativen. Diese Zusammenschlüsse mehrerer Produzenten bauen an, veredeln und vermarkten ihre Produkte selbstständig. Besonders ausgeprägt ist dies bei den Obst- und Kaffeeanbauern. Viele der jeweiligen Kooperativen hatten ihre Stände auf der Messe und lockten mit Kostproben von leckerem Saft und frisch gebrühtem Kaffee. Erstaunlicherweise ist der Saftkonsum (also reiner Saft ohne Zugabe von Wasser, Zucker oder Ähnlichem) in Brasilien gerade erst im Kommen, obwohl das Land mit großem Abstand der weltgrößte Produzent von Orangensaft ist. Von daher haben auch viele Bioproduzenten hauptsächlich Nektar und rückverdünnten Saft im Angebot, das Angebot an Direktsaft ließ sich an einer Hand abzählen. Eine Ausnahme ist Traubensaft, der gilt in Brasilien als sehr gesund und wird schon seit langer Zeit in großen Mengen als Direktsaft gekauft, obwohl er sehr teuer ist, der Literpreis bewegt sich zwischen 2 und 7 Euro.

Obwohl die PET-Flasche allgegenwärtig ist, werden günstige Säfte vornehmlich in Tetra-Paks und Höherpreisiges in Glasflaschen angeboten. Gern auch in lichtgeschütztem Braunglas.

Auch im Kaffeemarkt tut sich einiges. Biokaffee ist noch eine sehr kleine Nische. Des Brasilianers liebster Kaffee wird nicht von der Kaffeemaschine, sondern im „Melitta“ genannten Zellstoff-Kaffeefilter zubereitet. Leider macht sich auch hier langsam die sinnloseste aller Erfindungen im Kaffeegeschäft, die Kapseln und Pads, breit. Zu Kilopreisen, für die man mehr als das fünffache der Menge normal verpackten Kaffeepulvers bekommt, werden sie verkauft. Auf der Messe gab es bisher nur einen Anbieter, im Supermarkt sucht man sie Gott sei Dank noch vergebens. Aber wohl nicht mehr lange. Es sei denn, die Leute erkennen, dass sie mit diesem System nur abgezockt werden.

Interessanterweise waren einige Bioweinhersteller, jedoch keine einzige Biobrauerei auf der Messe vertreten.

Es tut sich was in Brasiliens Biosektor. Laut einiger Fachleute ist die Nachfrage viel höher als das Angebot und die Landwirte zum Teil zu zögerlich, umzusteigen. Wer es sich leisten kann, geht auf Biomärkte und greift im Supermarkt zu Bioprodukten. Der Pro-Kopf-Umsatz mit Bioprodukten liegt in Deutschland bei rund 88 Euro pro Jahr, in Brasilien erst bei 3,5 Euro.

Aber bis Bio in Brasilien den Massenmarkt erobert, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen.


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