Brasilien ist mit Abstand der größte Produzent von Zuckerrohr weltweit. Mit 720 Mio. Tonnen produziert Brasilien fast dreimal so viel wie Indien, welches im Ranking auf Platz zwei landet. Warum so viel Zucker? Nimmt man Rohrzucker nicht nur zum Anmischen von Cocktails und als vertretbares Süßungsmittel für Hardcoreökos? Weit gefehlt. Ganz normaler, raffinierter weißer Zucker, so wie er in Europa aus Rüben hergestellt wird, besteht in großen Teilen der Welt aus Rohrzucker. Das, was wir als Rohr- oder Rohrohrzucker kennen, ist der unraffinierte, sehr aromatische Rohrzucker.

Aber verbrauchen die Brasilianer so viel Zucker? Ja und nein! Zum einen ist der Zuckerkonsum hier sehr hoch. Vier oder mehr Esslöffel Zucker pro Tasse Kaffee sind ganz normal. Säfte, selbst frisch gepresster Orangensaft, werden mit Unmengen an Zucker vermischt, bevor sie getrunken werden.

Weiterhin trinken die Brasilianer sehr gern Cachaça, pur als Shot oder als Caipirinha. Cachaça wird aus Zuckerrohr hergestellt, und zwar aus dem zuckerhaltigen Saft der Rohrs. Somit sind schon einmal zwei wichtige Verbraucher des Zuckerrohranbaus genannt.

Zum anderen aber wird der Löwenanteil des Zuckerrohrs nicht zu Zucker oder trinkbarem Schnaps, sondern zu ungenießbarem Ethanol verarbeitet, welches an Tankstellen als Treibstoff für Autos verkauft wird. Viele Autos hier haben einen sogenannten Flex-Motor, welcher jede beliebige Mischung aus Benzin und Ethanol verträgt, oder beides auch pur. Schätzungsweise 80 l Ethanol können aus einer Tonne Zuckerrohr erzeugt werden. Wenn man von einem Ertrag von 88 Tonnen/ha ausgeht, können also pro Hektar Zuckerrohr über 7000 l Kraftstoff produziert werden.

Aber Zuckerrohr wird nicht nur in hochtechnisierten Prozessen weiterverarbeitet. Jeder kann im Alltag die leichte Süße des Zuckersaftes nutzen. Dazu wird das Rohr abgeschnitten, geschält und in kleine Stücke aufgeteilt. Eine Machete ist dazu am besten geeignet, mit einem Taschen- oder Küchenmesser wird man sich eine Weile abmühen müssen. Die 5 bis 10 cm langen Stücke werden nun der Länge nach geviertelt und anschließend in den Mund gesteckt. Durch leichtes Beißen und Lutschen entweicht der Saft den Fasern. Es schmeckt angenehm süß, sehr fruchtig und leicht nach Gras.

Wer sich diese Mühe nicht machen will, kann auf jedem brasilianischen Wochenmarkt und oftmals auch einfach so am Straßenrand für rund einen Euro ein Glas frisch gepressten Zuckerrohrsaft kaufen, genannt „Caldo de Cana“. Die Stangen werden durch ein Walzensystem gepresst, welche an einem Ende einen Trichter zum Auffangen des Saftes haben. Diese Walzensysteme gibt es auch für den rustikalen Hausgebrauch zu kaufen. Auf den Bildern erkennt man gut die drei ineinandergreifenden Walzen. Nach zwei- bis dreimaligem Durchpressen kommt kein Saft mehr aus den Fasern und sie fühlen sich ähnlich an wie Obsttrester nach dem Pressen und man kann den frischen Saft auf Eiswürfeln genießen. Perfekt bei heißem Sommerwetter.


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