Die brasilianische Küche ist sehr variabel, je nach Region essen die Menschen sehr viel über wenig bis fast gar keinen Fisch. Sao Paulo ist das beste Beispiel einer fast fischfreien Metropole, obwohl es nur knapp eine Stunde Fahrtzeit bis zum Meer ist. Wenn es nach Claudio Alfaro geht, wird sich dies auf lange Sicht ändern. Und zwar nicht, weil die Meere vor Sao Paulos Küste leergefischt werden, sondern weil viele kleine Betriebe und Privatleute zu Hause auf ihren Dächern Fische züchten, zusammen mit Gemüse und Obst. Dieser Ansatz wird unter dem Namen Aquaponik auch in Deutschland untersucht, federführend ist das IGB in Berlin, dort ist vom sogenannten Tomatenfisch die Rede.

Aquaponik kombiniert Fischzucht und Gemüseanbau in einem relativ geschlossen Kreislaufsystem. Die Fische leben in einem Bassin, werden dort gefüttert und lassen ihre Exkremente ins Wasser des Bassins. Dieses Wasser wird regelmäßig in die Gemüseanbausysteme gepumpt, wo es durch die Wurzeln der Pflanzen gereinigt wird und die Pflanzen gleichzeitig die Fischexkremente als Nährstoffe nutzen. Das saubere Wasser gelangt wieder zurück zu den Fischen.

Alfaro ist von Beruf Betriebswirt und hat lange bei multinationalen Nahrungsmittelfirmen gearbeitet, bis er zufällig Permakultur und im Anschluss daran Aquaponik entdeckte. Nach mehreren Fortbildungen in den USA machte er sich vor einem Jahr mit seiner Firma Aquaponia Urbana in Sao Paulo selbstständig.
„Sao Paulo ist eine einzige große Lebensmittelwüste, der allergrößte Teil der Nahrungsmittel für über 20 Mio. Menschen muss von außerhalb eingeführt werden, obwohl innerhalb der Stadtgrenzen viele Quadratkilometer ungenutzter Dachfläche für Gemüseanbau und Aquaponik zur Verfügung stehen“, regt Alfaro sich auf. Doch allein durch Aufregen kann keine Nahrung erzeugt werden, meint er weiterhin. Deshalb wurde er aktiv.

Auf dem Dach seines Hauses im Stadtteil Mooca hat er ein kleines Demonstrationssystem errichtet und führt es Besuchern gern vor. In drei Containern, welche mit Kies und Lavakies gefüllt sind, wachsen Salatköpfe, Kräuter, Tomaten, Fenchel, Erdbeeren, Löwenzahn, Kohl und viele weitere Pflanzen. „Es ist gerade Winter in Brasilien und einige der Pflanzen haben die kühlen Nächte nicht vertragen“, entschuldigt er sich für einige braune, trockene Blätter.

 

Der Fischtank steht einige Meter entfernt. Dort leben dort 13 Tilapias, Buntbarsche. Sie sind sehr genügsam, leben gern im Dunklen und schmecken auch noch hervorragend. Alfaro füttert sie momentan zu zwei Dritteln mit konventionellem Fischfutter und zu einem Drittel mit selbst angebauten Wasserlinsen. Zukünftig möchte er sein System völlig autark laufen lassen und die Ernährung der Fische vollständig auf Wasserlinsen umstellen, doch dafür sind seine Platzkapazitäten zu gering. Die Exkremente reichen als Dünger für die Pflanzen aus, ab und an gibt er dem Wasser Eisen und weitere Nährstoffe sowie zur Regulierung des pH-Wertes Kalk zu.

Seinen Lebensunterhalt kann er bereits mit Aquaponik bestreiten, jedoch sieht er sich nicht als aktiver Anbauer (bis auf Gemüse für den Eigenbedarf) sondern als Berater und Planer. Ca. 20 Projekte wurden bereits realisiert, der größte Auftrag kam von der Gemeindeverwaltung einer Kleinstadt, die einen schon bestehenden organischen Gemeinschaftsgarten um 80 m2 Aquaponikfläche erweitern will. Die Ernte geht direkt in die kommunale Schul- und Behördenverpflegung, welche nun auch mit selbst gefangenem Fisch verköstigt aufwarten kann.
Die Kosten für ein einfaches System mit drei Pflanzcontainern, einem Fischtank und den dazugehörigen Pumpen und weiterem Zubehör bewegen sich umgerechnet zwischen 200 und 300 €. Dazu kommen die Kosten Pflanzgut, Fische, Fischfutter und Energie.

Bisher gibt es in Sao Paulo nur zwei Berater für Aquaponik, jedoch ist Alfaro sicher, dass der Urbane Gartenbau rasant zunehmen wird in den kommenden Jahren. Die Megametropole hat zu viele Probleme, angefangen bei Wasserknappheit bis hin zu enormen Preissteigerungen im Lebensmittelsektor in den letzten Jahren. Wenn alle zur Verfügung stehende Dach- und Freiflächen genutzt würde, könnte ein Großteil des innerhalb der Stadtgrenzen verbrauchten Gemüses lokal produziert werden und somit die Ernährungssicherheit und – souveränität aller Einwohner sicherstellen.

Auf die Frage, wie er sich sein Unternehmen in zehn Jahren vorstellt, ist Alfaro optimistisch, zugleich aber auch ein wenig unschlüssig. Zwar sieht er in der Aquaponik die Lösung vieler Probleme, jedoch spielen Faktoren wie Wasserverfügbarkeit (die Wasserreservoire Sao Paulos sind momentan fast leer und brauchen Jahre, um sich wieder vollständig zu regenerieren) , allgemeine Preisentwicklung und vor allem die Bereitschaft von Privatleuten wie auch Kommunen und Firmen, in aquaponische Systeme investieren zu wollen.


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