Einkaufen macht hungrig – das mag man zumindest beim Anblick der riesigen Food-Courts in den Einkaufszentren denken. Diese scheinen zu jeder Tageszeit gut gefüllt, die Leute essen und trinken und lassen meistens einen gewissen Teil der Mahlzeit auf dem Teller zurück. Diese Essensreste wiederum wandern entweder in den Bioabfall oder werden dem Restmüll zugeführt.

Eines der größten und traditionsreichsten Shopping-Centers Sao Paulos (Brasilien), das Eldorado, hat sich im Rahmen des firmeninternen Nachhaltigkeitsprogramms zum Ziel gesetzt, diese Essensreste sinnvoll weiter zu verwerten. Den Leuten zu sagen, sie sollten nichts auf dem Teller übrig lassen, ginge ja schließlich zu weit…

 

12.000 Mahlzeiten pro Tag führen zu 1,5t Bioabfall

Die Grundidee ist es, allen organischen Abfall, also die übriggebliebenen Essenreste der Teller, den Abfall aus den Küchen und die Rohabfälle der Saftbars und des Supermarktes zu kompostieren und anschließend die selbstproduzierte Komposterde als Grundlage für Rooftop-Farming auf dem Dach des Gebäudes zu verwenden. Allein die Essensreste der täglich ca. 12.000 Gäste des Food-Courts summieren sich auf knapp eine halbe Tonne pro Tag. Hinzu kommt der Abfall der Restaurants, woraus insgesamt zwischen 1 und 1,5 Tonnen organischer Müll pro Tag resultieren. Die Gesamtverkaufsfläche des Einkaufszentrums beläuft sich auf 74.000 m2, verteilt auf mehrere Etagen und es kommen täglich bis zu 50.000 Kunden, nur um eine ungefähre Vorstellung der Dimensionen zu bekommen.

Doch wie kann solch eine große Menge an Bioabfall innerhalb einer Großstadt und dann noch innerhalb eines geschlossenen Centers kompostiert und anschließend weiterverwendet werden? Der Forscher Lazáro Roberto von der Firma Bioideias entwickelte schon vor längerer Zeit eine Idee, sehr platz- und vor allem zeitsparend organisches Material in Kompost umzuwandeln. Die Grundlage dazu bilden mehrere Enzyme, welche aus Algen extrahiert werden. Diese Enzymmischung ist in der Lage, jedes beliebige organische Material innerhalb weniger Stunden zu verkompostieren. Lazáro hat sich das Verfahren weltweit patentieren lassen, daher war es mir auch nach mehrfacher Anfrage bei Bioideias nicht möglich, weitergehende Informationen zu diesem Prozess zu bekommen.

 

Schnellkompostierung in wenigen Stunden

Cristina Fernandes, eine junge Frau Anfang 30, ist PR-Managerin des Eldorado. Sie zeigt mir das Shoppingcenter und erzählt, dass die Idee, die Dachflächen zu bepflanzen, von der Eigentümerfamilie selbst stammte. Die praktische Umsetzung jedoch erwies sich anfangs als relativ kompliziert, gab es brasilienweit bisher keine vergleichbaren Projekte, welche als Referenz dienen konnten.

Um überhaupt den organischen Abfall sauber trennen zu können, wurden in den zwei größten Food-Courts des Centers (mit jeweils ca. 20-30 Restaurants und einigen Hundert Sitzplätzen) mehrere Recycling-Stationen aufgebaut. Diese bestehen aus vier unterschiedlichen Containern und zwei Angestellten, welche die Tabletts der Restaurantbesucher in Empfang nehmen und Papier (Servietten), Alu und Kunststoff (Getränkedosen, Plastiktüten…), Flüssigkeiten und schließlich die Essensreste sortieren. Papier und anderes recyclingfähiges Material wird dem traditionellen Wertstoffkreislauf zugeführt, während die Container mit den Essensresten per Fahrstuhl in den Keller gefahren werden. Dort wiederum wurde in Zusammenarbeit mit einem Agrarwissenschaftler und der Firma Bioideias eine Kompostierstation aufgebaut, welche erstaunlicherweise in einem Container untergebracht ist und daher sehr wenig Stellfläche benötigt.

Zwei Mitarbeiter sind für die Kompostierung zuständig. Fernandes stellt sie mir vor und fragt vorsichtshalber, ob ich Fotos machen darf. Kein Problem, sagen sie. Cicero ist 33 und hauptverantwortlich für die Kompostiermaschine. Er erzählt, dass sein verstorbener Vater, der sein Leben lang Landwirt war, nun doch noch stolz auf den Sohn sein könne, der ja jetzt mehr oder weniger als Gärtner arbeite. Dass Cicero in jungen Jahren weg vom Land in die Stadt ging, um einen Job zu finden, hat der Vater nie verkraftet.

Im ersten Schritt, erklärt Cicero, wird das organisches Material in der Kompostierstation in einen Behälter gekippt und nach anorganischen Resten wie Plastiktüten oder Bestecken durchsucht. Im Anschluss daran befördert eine Schnecke den oftmals recht feuchten Mix in eine Trommel, welche wie ein Betonmischer mit inneren Widerständen bestückt ist. Diese Trommel ist fest verschlossen und dreht sich unaufhörlich. Sobald die Trommel ihre Füllhöhe erreicht hat, werden die Enzyme dazugegeben und eventuell je nach Feuchtegrad des Gemisches noch ein paar Sägespäne. Nun beginnt der Kompostierprozess. Die Enzyme treiben die Mischung auf bis zu 70 Grad Temperatur hoch und sorgen für die Kompostierung.

 

6.000 Quadratmeter Rooftop-Garten

Wenn dieser Schritt abgeschlossen ist, wird der noch warme Kompost durch einen Häcksler geschickt, um eventuell vorhandene grobe Bestandteile wie Knochen oder nicht vollständig verrottete Orangenschalen zu zerkleinern. Unterhalb des Häckslers stehen 20 l Kisten, welche anschließend mit der Komposterde befüllt und als Pflanzcontainer verwendet werden.

Nun kommt der Zweite große Schritt des Nachhaltigkeitsprogramms ins Spiel. Das Center verfügt über ca. 8.000 m2 Dachfläche, von denen 2.000 m2 mit Klimaanlagen, Dachfenstern und ähnlichem Verbaut und daher nicht nutzbar sind. Die restlichen 6.000 m2 sollen zukünftig vollständig als Gemüsegarten genutzt werden. Zum Zeitpunkt meines Besuches wurde ca. 1/3 dieser Fläche begärtnert. Um den Prozess zu vereinfachen, läuft der Anbau in Kisten ab.

Angebaut werden hauptsächlich Salate, Bohnen, Erdbeeren, Schnittblumen und Kräuter. Die Ernte fiel bisher immer sehr gut aus, erzählt Fernandes. Es dürfe jedoch nichts verkauft werden, fügt sie hinzu, denn der Kompostierungsprozess ist bisher nicht von staatlicher Seite aus anerkannt und daher eine Zulassung zum Vermarkten des Ernteguts ausgeschlossen. Deshalb geht die gesamte Ernte an die Mitarbeiter des Einkaufszentrums. Kostenlos. Ab und an zu bestimmten Anlässen wird für alle ein großes Essen gekocht mit selbstangebauten Zutaten, das meiste jedoch wird wöchentlich an die 420 Mitarbeiter ausgegeben.

Ein sehr interessantes Projekt, welches sicherlich die US-amerikanischen Rooftop-Farmer zum Vorbild hat, jedoch brasilientauglich adaptiert wurde. Mittlerweile hat sich ein weiteres Einkaufszentrum aus Rio dazu entschlossen, die komplette Dachfläche mit Gemüse zu bepflanzen. Es stellte sich nämlich heraus, dass die Klimaregulierung innerhalb des Eldorado-Gebäudes um ein Grad reduziert werden konnte. Allein die Klimaanlagen benötigen pro Tag mehr als 100.000 Liter Wasser. Da macht es auch gar nichts aus, das Gemüse noch nicht vermarkten zu dürfen, denn die Einsparungen im Energiebereich liegen wohl um einiges höher als die Ausgaben für Kompostierung und Anbau, ganz abgesehen vom enormen Imagegewinn.

 

weiteres Shopping-Center übernimmt Idee

Die Evaluierungsphase läuft demnächst aus, und auch schon bald darauf soll das Projekt vor allem für Schulklassen als praxisnahes Beispiel nachhaltiger, urbaner Wertschöpfung dienen. Es gilt jedoch vor allem, die langfristigen Auswirkungen der neuartigen Kompostierungstechnologie zu erforschen. Und dann sollte das Beispiel Schule machen. Es gibt so viele ungenutzte Dachflächen in den großen Metropolen der Welt, welche auf vielfältige Art und Weise genutzt werden könnten. Und die eigenen organischen Abfälle in neue Lebensmittel umzuwandeln, ist eine davon!

Mehr Informationen (auf portugiesisch): bioideias.com

Kontakt: cristina.fernandes(at)shoppingeldorado.com.br


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