WucherpfennigEin Beitrag von Prof. Dr. Helmut Dietrich

Heute, am 9. September 2015 feiert Prof. Dr. Karl Wucherpfennig seinen 90. Geburtstag. In Kalkar am Niederrhein geboren, absolvierte er einen großen Teil seiner Schulzeit in Düsseldorf. Nach dem Wehrdienst und kurzer Kriegsgefangenschaft begann er 1946 sein Studium der Chemie an der Universität Bonn und legte 1952 die Diplomchemiker-Hauptprüfung ab. Sofort nach dem Examen trat er als Betriebsleiter in einen Betrieb im südwestdeutschen Raum ein, der sowohl im Sektor der Früchteverwertung als auch der Herstellung von alkoholischen Getränken tätig war. Die Berührung mit Problemen dieser beiden Sektoren weckte das Interesse von Prof. Dr. Wucherpfennig nachhaltig und bildete den Leitfaden seiner weiteren beruflichen Tätigkeiten.
An der Technischen Hochschule Karlsruhe nahm er neben seiner beruflichen Tätigkeit die Arbeiten zu seiner Promotion auf dem Gebiet der Obstverwertung auf. 1960 promovierte er bei Prof. Dr. Heimann zum Dr. rer. nat. 1977 habilitierte sich Prof. Dr. Wucherpfennig an der Universität Gießen im Fachbereich Lebensmitteltechnologie.
Nach dem Ausscheiden von Prof. Dr. Koch 1959 wurde das Institut für Obst- und Gemüseverwertung ab 1960 von Prof. Dr. Wucherpfennig geleitet. 1965 erfolgte die Fusion dieses Institutes mit dem Institut für Weinchemie und Biochemie; die Einrichtung hieß nun Institut für Weinchemie und Getränkeforschung. Hieraus resultiert die auch heute noch gültige enge Verzahnung von Getränketechnologie und -analytik.
Unter Leitung von Prof. Dr. Wucherpfennig wurde der Schwerpunkt auf die Entwicklung der Konzentrierung und Entaromatisierung durch Verdampferprozesse gelegt. Dieses Haltbarmachungsverfahren erlaubte die preisgünstige Herstellung und Lagerung von Fruchtsäften. In diesem Zusammenhang wurden auch die Aromaveränderungen in Apfelsäften und Aromakonzentraten während der Lagerung untersucht. Praxisnahe Methoden zur Klärung und Stabilisierung von Weinen und Fruchtsäften durch verschiedenste Schönungsmittel wurden erarbeitet und deren Auswirkungen auf die Qualität der Weine und Säfte analytisch bewertet. Mehrere Arbeiten aus den 60er Jahren befassten sich mit der Analytik und Bedeutung von Polyphenolen und Gerbstoffen für Weine und Fruchtsäfte. Wichtige Impulse für die Branche wurden auch in der Pektinforschung und der Anwendung pektolytischer Enzympräparate für die Maische- und Saftenzymierung gegeben. Die Kolloidforschung im Bereich Wein und Fruchtsaft war viele Jahre ein Dauerbrenner des Instituts. Filtrationsprobleme durch ß-Glucane von Botrytis sowie der Einsatz von ß-Glucanasen zu ihrem gezielten Abbau wurden seit etwa 1981 bearbeitet.
Schon sehr früh erkannte Prof. Wucherpfennig das Potenzial des Dekanters zur Entsaftung von Fruchtmaischen, wie erste Publikationen aus 1956 zeigen. Bis zur Einführung in die Praxis vergingen allerdings noch fast drei Jahrzehnte.
Eine andere Forschungsaufgabe war schon Anfang der 70er Jahre die Einführung von Membranprozessen, wie Ultrafiltration, Umkehrosmose und Elektrodialyse. Seit Mitte der 80er Jahre zählen Ultra- und Crossflow-Mikrofiltration zum Stand der Technik.
Im Bereich der Abfüllung wurden schon Mitte der 60er Jahre Versuche zur Füllung in Weichpackungen durchgeführt. In diesem Zusammenhang wurde der Einfluss des Sauerstoffs auf Inhaltstoffe, wie Vitamin C, näher untersucht. Parallel entwickelte die analytische Abteilung des Institutes neue Meßmethoden, die zur sachgerechten Bewertung von getränketechnologischen Prozessen und der Verpackung beitrugen.
Das Thema Weinsäure und Weinsteinstabilisierung zieht sich wie ein roter Faden durch sein wissenschaftliches Wirken. Hier wurden sowohl analytische als auch technische Verfahren zur Beurteilung der Weinsteinstabilität bzw.- stabilisierung entwickelt. Hier sind vor allem die bahnbrechenden Arbeiten aus den 1980er Jahren über den Zusatz von CMC zur Vermeidung der Weinsteinausfällung zu nennen. Erst viele Jahre nach der Pensionierung von Prof. Wucherpfennig wurde dieses Verfahren in das Weinrecht der EU übernommen.
Viele Publikationen befassten sich mit der Analytik, Bedeutung und Toxikologie der schwefligen Säure. Auch mikrobiologische Arbeiten über den thermoresistenten Schimmelpilz Byssochlamis, mikrobiologische „Indikatoren“, wie Ameisensäure, oder Konservierungsstoffe zählten zum Repertoire. Die Analytik von authentischen Fruchtsäften war eine wichtige Basis zur Erstellung von RSK-Werten (Richtwerte und Schwankungsbreiten bestimmter Kennzahlen) in Zusammenarbeit mit dem Verband der Deutschen Fruchtsaftindustrie (VdF) und den Wissenschaftlern Bielig, Koch und Rother. Diese Arbeiten wurden 1972 begonnen und wurden 1975 erstmals für einen „Steckbrief eines Orangensaftes“ publiziert. 1976 wurde ein Unterausschuss „Qualitätsstandards“ unter Beteiligung weiterer Wissenschaftler gegründet, der später in den „Unterausschuss RSK“ umbenannt wurde. Die RSK-Werte sind dann in den europäischen AIJN Code of Practise übergegangen.
Zahlreiche Arbeiten auf den verschiedensten Sektoren machen deutlich, dass die Forschungstätigkeit von Prof. Wucherpfennig immer in direktem Zusammenhang mit den Problemen der interessierten Industrie stand.
Aufgrund seiner vielen Vorträge und mehr als 270 Veröffentlichungen wie auch seiner Tätigkeit in den Verbänden nationaler und internationaler Bedeutung haben ihn in der Branche zu einer bekannten Persönlichkeit werden lassen. Es sei nur an seine jahrelange Tätigkeit als Leiter der DLG-Qualitätsprüfung für Fruchtsäfte und an seine Mitarbeit in der technisch-wissenschaftlichen Kommission der IFU sowie in den verschiedenen Ausschüssen des Verbandes der deutschen Fruchtsaftindustrie erinnert. Zahlreiche Auslandsreisen mit Vortragstätigkeit zeigen, welcher Wertschätzung sich Prof. Dr. Wucherpfennig auch im Ausland erfreute.

Sein vielseitiges fachliches Wissen gab Prof. Dr. Wucherpfennig durch sein großes Lehrengagement an der Fachhochschule Wiesbaden und an der Universität Gießen im Aufbaustudiengang Oenologie und im Fach Lebensmitteltechnologie an die Studierenden weiter. Gleichzeitig betreute er während seiner Tätigkeit in Geisenheim eine große Anzahl von Promotionen.

Prof. Dr. Wucherpfennig schied 1988 aus dem Dienst des Fachgebietes Weinanalytik und Getränkeforschung der Forschungsanstalt Geisenheim aus und trat seinen „wohlverdienten Ruhestand“ an. Aber auch nach dieser Zeit war er immer noch auf Tagungen, Kongressen und sonstigen Veranstaltungen vertreten und bis heute mit der Branche verbunden.

Der 90. Geburtstag von Herrn Prof. Dr. Wucherpfennig ist allen seinen Freunden und ehemaligen Mitarbeitern Anlass für Dank und Anerkennung, verbunden mit dem Wunsch, dass ihm noch viele Jahre bei bester Gesundheit vergönnt sein mögen.


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