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Von 2006 bis 2008 war Jonas Müller Empfänger des Flossfeder Stipendiums an der University of California in Davis.  Jonas teilt seine Erfahrungen mit uns…

Im Nachhinein kann ich voller Überzeugung feststellen, dass diese Jahre zu den schönsten und prägendsten meines Lebens gehören und zwar hinsichtlich meiner wissenschaftlichen Ausbildung, meiner persönlichen Entwicklung und meines internationalen Freundeskreises (ganz abgesehen von den eher unvorhersehbaren Nebenwirkungen einer Südstaatenhochzeit und einer doppelten Staatsbürgerschaft).

Voraussetzung für das Stipendium ist das Bestehen des TOEFL-Tests für die englische Sprache, welcher mit fortgeschrittenem Schulenglisch kein Problem darstellen sollte. Ist man erst einmal angenommen, geht alles sehr schnell und man steht Anfang des Semesters auf einem riesigen Campus in Kalifornien. Da kann man sich anfangs schon ein wenig alleingelassen fühlen. Die Koordination zwischen Geisenheim und Davis ist auch manchmal ein bisschen schwierig, aber ich habe immer wieder festgestellt, dass sowohl hier als auch dort alle beteiligten Personen in der Verwaltung alle Hebel in Bewegung setzen, um die Erfahrung für den Stipendiaten so erfolgreich, einfach und unkompliziert wie nur irgend möglich zu machen.

Was die Lehre in Davis angeht, haben mich als jungen Geisenheimer im 4. Semester einige Dinge sehr überrascht. Zum einen wird großer Wert auf wissenschaftliches Arbeiten gelegt, so dass zum Beispiel nach jedem weinchemischen Praktikum ein ca. 10-seitiger Bericht in Form eines wissenschaftlichen Artikels angefertigt werden muss. Dazu kommen mehrere Hausarbeiten und wöchentliche Klausuren oder Tests, welche am Ende des 10-wöchigen Quarters in die Note mit einfließen. Ein ähnlich hohes Arbeitspensum wird für die meisten Klassen gefordert und abgefragt. Die Vorkenntnisse aus Geisenheim halfen mir natürlich beim Verständnis des Stoffes, doch wurde dieser „Vorsprung” durch das Studieren in einer Fremdsprache und der sorgfältigen Anwendung von in Geisenheim nicht immer vermittelten und praktizierten wissenschaftlichen Methoden schnell wieder ausgeglichen. Daher war ich in Davis oftmals bis spät in die Nacht mit meinen Studienarbeiten beschäftigt. Der Kontakt zu den Professoren in Davis unterschied sich ebenfalls von dem gewohnten in Geisemheim. So spricht man zum Beispiel vom ersten Tag an alle Professoren, deren Namen einem schon aus den verschiedensten Geisenheimer Vorlesungen vertraut sein müssten, mit Vornamen an. Außerdem halten Linda (Bisson), Roger (Boulton) oder Hildegarde (Heymann) regelmäßig “Office Hours”, von denen man auch unbedingt Gebrauch machen sollte. Die Flossfeder Stipendiaten genießen am Viticulture and Enology Department in Davis einen sehr guten Ruf. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, in einer langen Reihe von studentischen Geisenheimer Repräsentanten zu stehen, und wollte meine deutsche Alma Mater oder die mir nachkommenden Studenten nicht “blamieren”. Durch den hohen Anspruch, den persönlichen Kontakt und die Sonderstellung als Stipendiat baute sich da bei mir schon ein wenig Druck auf, der aber nach Bestehen der ersten Prüfungen und durch Schließen der ersten Freundschaften bald nachließ.

Das Leben auf dem Campus in Kalifornien ist nur sehr bedingt mit dem Alltag in Geisenheim vergleichbar. Die Stadt Davis hat ungefähr 60000 Einwohner und mehr als die Hälfte davon sind Studenten. Es ist somit eine typische US-amerikanische “University-Town”. Neben dem Studium von Weinbau und Önologie steht es Flossfeder Stipendiaten frei, aus dem kompletten Vorlesungskatalog Zusatzkurse zu belegen. Für mich waren das zum Beispiel ein Kurs in Speisepilzkultivation mit Praktikum, Einführung in das Brauwesen, ein Literaturkurs in Mythen und Legenden der Welt und Tube Water Polo (“Wasserhandball”, das im Freibad in aufgeblasenen Autoschläuchen gespielt wird!). Das Angebot scheint schier unendlich! Das tief eingewurzelte, urdeutsche Verlangen, bei Sonnenschein sofort raus ins Freie zu müssen, ist für das kalifornische Klima fast schon verhängnisvoll. Allerdings sind die Ausflugsmöglichkeiten von Davis aus ebenso zahlreich wie die Sonnentage, so dass ich eigentlich jedes freie Wochenende zusammen mit neuen Freunden oder deutschen Besuchern den “Golden State” erkundete. Vor allem die Sierra Nevada mit Lake Taupo und den Skiressorts, San Francisco und die Bay Area und natürlich der Highway 1 in Richtung Big Sur und Mendocino werden nie langweilig und liegen immer nur ein paar Autostunden von Davis entfernt.

So groß wie die Universität an sich auch ist (man bewegt sich in kalifornischer Manier meistens mit dem Fahrrad oder Longboard von Vorlesung zu Vorlesung), so überschaubar und familiär ist das Department für Weinbau und Önologie. Über die Jahre habe ich immer wieder festgestellt, wie die sozialen Kontakte und Freundschaften, die man während des Weinbaustudiums schließt, mindestens ebenso wichtig sind, wie das Wissen, das man sich angeeignet hat. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für Davis und die kalifornische Weinindustrie. Als Stipendiat findet man sich in einer Klasse mit zirka 50 Studenten aus allen Teilen der USA und der Welt wieder, die man durch den straffen Vorlesungs- und Arbeitsplan auch bald alle kennen lernt. Wöchentliche, von und für Studenten organisierte Weinproben erleichtern ebenfalls das Kennenlernen in den ersten Wochen. Nach einem Heimataufenthalt über Weihnachten durfte auch ich in diesem Rahmen eine Weinprobe mit deutschen Weinen organisieren, die schon damals sehr gut ankam. Die meisten Freundschaften habe ich aber auf den fast schon legendären “DEVO-Trips” geschlossen. DEVO ist eine lose Studentenvereinigung des Departments, welche mindestens einmal pro Quartal einen mehrtägigen Trip in eines der Weingebiete an der Westküste durchführt. Dazu wurden immer riesige Ferienhäuser in Santa Barbara, Sonoma Valley, Mendocino County oder sogar Oregon angemietet, in denen dann bis zu 25 Weinbaustudenten nach einem langen Tag voller Weingutsbesichtigungen (weiter) gefeiert haben.

Abgesehen von den oben aufgeführten Erfahrungen ist es schwierig für mich, die lebensverändernden Auswirkungen zu beschreiben, die meiner Meinung nach jedem widerfahren, der es wagt, sich auf ein längeres Abenteuer im Ausland einzulassen. Es ist auf jeden Fall eine Erfahrung, die einem gleichzeitig Bescheidenheit lehrt und Selbstvertrauen gibt. Ich kann aber jedem zögernden Geisenheimer der das hier liest, versprechen, dass sich in diesem Fall der Sprung ins kalte Wasser lohnen wird. Das Flossfeder Stipendium ist außerdem so großzügig kalkuliert, dass man sich wegen der finanziellen Aufwendungen als Stipendiat keine Sorgen machen muss (trotz der astronomischen Studiengebühren in den USA!). Neben der Hilfe und Betreuung von allen Mitarbeitern in Geisenheim kann man sich auch mit Sicherheit auf die Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Kalifornier verlassen.

Wenn Ihr Fragen habt, zögert nicht Jonas Müller anzusprechen. Jonas ist inzwischen (nach fast acht Jahren in den USA) wieder hier als Doktorand in Geisenheim gelandet und kann auch gerne weitere Auskünfte geben. Viel Glück bei der Bewerbung!


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