Prof. Dr. Monika Christmann wurde letztes Jahr für eine Amtszeit von drei Jahren zur Präsidentin der Internationalen Organisation für Rebe und Wein (OIV) gewählt. In unserem Interview zieht sie Bilanz.

Was ist die Mission der OIV?

Seit dem Gründungsjahr des OIV mit Frankreich, Spanien, Griechenland, Ungarn, Italien, Luxemburg, Portugal und Tunesien im Jahr 1924, aus dem nun die Internationale Organisation für Rebe und Wein (OIV) mit nunmehr 46 Mitgliedsstaaten entstanden ist, hat sich an der eigentlichen Mission nichts geändert. Unsere Zielsetzung ist neben der Darstellung der Vorteile des Weinkonsums und der Qualität der Weine auch natürlich der Schutz der Interessen des Weinbaus und die Verbesserung der Markt- und Handelskonditionen. Die Harmonisierung und Validierung von Weinanalysemethoden, der Schutz der geographischen Bezeichnungen sowie die Garantie für Reinheit und Authentizität der Produkte spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. Ebenso die Bekämpfung von Verfälschungen und unfairem Wettbewerb.

Wichtig ist vor allem die Stärkung der OIV als internationale, unabhängige und zwischenstaatliche Referenzorganisation. Entscheidungen können nur im Konsens getroffen werden und nicht wie früher im Mehrheitsprinzip. An nationale Administrationen gibt es keine Anbindung, dafür aber fünf gleichberechtigte Amtssprachen um die Kommunikation unter den Mitgliedern zu verbessern. Außerdem ist uns wichtig, dass unsere Aktivitäten auch medial nach außen transportiert werden und die Transparenz bei Entscheidungsfindungen gestärkt wird. Des Weiteren wird unser Strategieplan, der jeweils auf fünf Jahre ausgelegt wird, jährlich durch die Mitgliedsstaaten kontrolliert.

Welche interessanten Persönlichkeiten haben Sie in dem ersten Jahr als OIV-Präsidentin kennengelernt?

Die Liste von interessanten Persönlichkeiten und Orten, die ich im letzten Jahr kennengelernt bzw. besucht habe ist lang. In den Sitzungen treffe ich regelmäßig auf Wissenschaftler sowie Politiker aus aller Herren Länder. Daneben gibt es noch die sogenannten Beobachter. Darunter zählen zum Beispiel Vertreter von Regionen in China oder andere Interessengruppen wie Wine in Moderation oder die International Federation of Wines and Spirits. Außerdem sind die Vertreter von zwischenstaatlichen Organisationen wie der EU, des Codex Alimentarius und der WHO noch zu erwähnen.

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In Ihrer Funktion vertreten Sie die Interessen von 46 Mitgliedsstaaten. Bei welchen Themen gehen die Interessen der unterschiedlichen Staaten Ihrer Erfahrung nach am meisten auseinander?

Ein Beispiel wäre hier der Versuch, eine Definition für „nachhaltig“ zu finden. Hier gingen die Ansichten der Mitgliedsstaaten erheblich auseinander. So vertrat zum Beispiel ein Land die Meinung, dass gentechnisch veränderte Organismen oder Pflanzen nichts mit dem Begriff Nachhaltigkeit zu tun haben und es die bestehende Artenvielfalt zu schützen gilt. Ein anderer Staat hingegen argumentierte, dass gerade gentechnisch veränderte Organismen dafür Sorge tragen können, dass nachhaltig gewirtschaftet werden kann, wenn zum Beispiel weniger oder keine Pflanzenschutzmittel ausgebracht werden müssen, weil die Pflanzen resistenter gegen schädliche Einflüsse der Umwelt sind.

Ich selbst sehe mich hier in der Aufgabe einer Moderatorin, d. h. die einzelnen Mitgliedssaaten in ihren Interessen zu unterstützen. Es wird aber auch immer wieder deutlich, dass eine Konsensfindung oft nicht sehr einfach ist, gerade wenn Staaten grundlegend verschiedene Auffassungen haben. Gründe hierfür sind unterschiedliche Traditionen, Philosophien und Wertevorstellungen aber auch die ungleichen klimatischen Bedingungen der einzelnen Mitgliedsstaaten und natürlich die politischen Rahmenbedingungen nicht zu vergessen. Aber: Wo ein Wille, da ein Weg! Um beim obigen Beispiel zu bleiben, so wurde nun eine neue interdisziplinäre Expertengruppe gegründet, die sich mit den Themen Nachhaltigkeit und Klimawandel befasst.

Mit welchen Themen befasst sich die OIV im Bereich Forschung und Technisierung aktuell?

Im Bereich der oenologischen Verfahren zum Beispiel tauchen immer wieder die Fragen auf, ob es toxikologische Bedenken gibt, inwieweit sie Einfluss auf die Weinqualität haben, wie aufwendig die Verfahren sind und ob man diese überhaupt braucht.

Ein weiteres Beispiel wäre die Weinmodifizierung und Kennzeichnung. Wo setzt man Grenzwerte, bzw. wie deklariert man Weine, denen Aromastoffe zugeführt wurden, Alkohol und/oder Wasser zugesetzt oder entzogen wurde. Ist ein Wein, dem flüchtige Säure entzogen wurde nur ein entsäuerter Wein oder ist er als solches gar nicht mehr in Verkehr zu bringen? Wie sieht es mit Wein aus, der aus Weinfraktionen zusammengesetzt wurde – ein rekonstituierter Wein?

Die Forschung und Technisierung geht ständig weiter – unsere Aufgabe ist es einen Konsens zu finden, der nicht nur für die Hersteller sondern auch für die Konsumenten akzeptabel ist.

Ende Oktober findet in Brasilien der 39. Weltkongress für Rebe und Wein statt. Was steht hier ganz oben auf der Agenda?

Diese Veranstaltung besteht im Grunde aus zwei Teilen. Zunächst gibt es einen wissenschaftlichen Kongress, wo Wissenschaftler aus allen Ländern die Möglichkeit haben ihre neuesten Forschungsergebnisse in den Bereichen Weinbau und Oenologie aber auch in ökonomischen sowie gesundheitsrelevanten Fragestellungen zu präsentieren. Dies kann nach einer Vorauswahl durch ein Expertengremium, als Vortrag oder Posterpräsentation erfolgen. Daran anschließend gibt es noch eine Generalversammlung bei der eine Vielzahl Resolutionen verabschiedet werden sollen, die von den Expertengruppen bearbeitet wurden und in der regulären Stufenprozedur nun den politischen Vertretern vorgelegt werden. Die Annahme dieser Resolutionen kann nur im Konsens erfolgen. Diese Resolutionen haben keinen Gesetzescharakter sondern müssen noch in die nationalen Gesetze überführt werden. In der EU erfolgt dies „fast automatisch“.

Gibt es Staaten, die planen der OIV beizutreten oder die Organisation verlassen wollen?

80 Prozent der weltweiten Anbaufläche für Wein (dazu zählen auch Tafeltrauben, Rosinen und andere Rebenerzeugnisse), 85 Prozent der Weltweinproduktion und 80 Prozent des weltweiten Weinkonsums sind bereits durch die Mitgliedschaft der OIV angehörigen Staaten erfasst. Wie anhand der Karte zu erkennen ist, sind jedoch noch einige Flächen, insbesondere im Bereich Nordamerika und China leer. Die USA sind damals unter der Regierung von Präsident Bill Clinton aus der Organisation ausgetreten. Natürlich ist die OIV bestrebt, dass weitere Staaten beitreten und hoffentlich können wir ja die USA und China überzeugen als wichtige, neue Mitglieder beizutreten. Es gibt großes Interesse auch anderer Staaten an der Organisation, was mich als Präsidentin natürlich sehr freut und was mit Sicherheit auch ein Indikator für die erfolgreiche Zusammenarbeit der Mitgliedsstaaten innerhalb der Organisation darstellt aber auch die Bedeutung der OIV als DIE internationale Referenzorganisation im Bereich des Weinbaus und der Oenologie unterstreicht.

Das Interview führte Tina Kissinger, Medien-Referentin, Wissenschaft, Hochschule Geisenheim

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