Geisenheimer Absolvent bringt herausragende Sportplatz-Qualität in die Welt

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Rainer Ernst macht Rasen schön. Nicht nur auf dem Trainingsgelände von Borussia Dortmund oder dem VfL Wolfsburg, sondern auch in Brasilien oder Barcelona. Der Landschaftsarchitekt berichtet im Interview über Trainerwünsche, psychologische Tricks, den Duft von Rasenschnitt und die technischen Eigenheiten des Sportplatzbaus auf höchstem sportlichen Niveau.

Der DFB nennt Sie seinen Rasenflüsterer. Warum?

In der Saison 96/97 begann wegen vieler Spielabsagen in Deutschland die Diskussion darüber, ob Rasenheizung Lizenzbedingung für die Vereine der 1. und 2. Bundesliga werden sollte. Keiner hat sich daran getraut, aber mich hat es gereizt, in einem motivierten Team die Rahmenbedingungen zu setzen. Bei der Weltmeisterschaft 2006 war ich danach für alle Plätze verantwortlich, das Gras für die zwölf Stadien hatte ich anderthalb Jahre zuvor angezogen. Das war das erste Mal, dass alle Spielstätten eines Turniers den gleichen Rasen bekamen. Wir wollten damit faire Wettbewerbsbedingungen schaffen – und das ist gelungen. Ich habe auch den Trainingsplatz im Campo Bahia in Brasilien im Vorfeld der WM 2014 angelegt. Das lief alles sehr gut, wie sich gezeigt hat.

Äußern die Trainer bei der Neuanlage oder bei der Rasenpflege Wünsche?

Das ist typabhängig. Jogi Löw sagt: „Du machst das schon richtig, Rainer.“ Thomas Schneider will genauer wissen, wieso wir etwas so planen und ausführen, wie wir es tun. Andi Köpke äußert auch schon einmal konkrete Wünsche, wo ein Tor stehen und wie die Ausrichtung des Platzes sein soll. Auch in der Bundesliga haben sich die Ansprüche der Trainer gewandelt. Wenn sie vom Greenkeeper verlangen, das Gras auf 17 Millimeter zu schneiden, muss der schon mal Fingerspitzengefühl zeigen und ihnen schonend beibringen, dass das einfach nicht geht. Inzwischen haben wir aber auch mit Physiotherapeuten und Ärzten zu tun, die sich für die Beschaffenheit des Rasens interessieren. Manchmal muss ein Greenkeeper sogar die Spieler austricksen. Die wollen, dass der Rasen vorm Warmmachen beregnet wird – auch wenn es in der Nacht vorher geregnet hat und der Boden eigentlich schon viel zu feucht ist. Da macht der Greenkeeper einfach kurz vorm Einlaufen den Regner an und ganz schnell wieder aus – das reicht meistens für ein gutes Gefühl.

Rainer Ernst

Rainer Ernst

Aber nicht nur die Anzahl der Stakeholder für einen schönen Rasen steigt, sondern auch der technische Anteil.

Im Stadionbau befinden wir uns ohne Zweifel im Hightech-Segment. Künstliches Licht ist inzwischen ja schon Standard, hier geht der Trend zum Einsatz nachhaltigerer LED-Lampen. Die Stadien in Dortmund, Wolfsburg, Hoffenheim und Bielefeld haben einen Hybridrasen. Der ist zwar weitaus pflegeintensiver, ermöglicht aber auch ein schnelleres und besseres Kurzpassspiel. Es ist abzuwarten, ob sich das durchsetzt.

Gibt es zwischen den Greenkeepern der verschiedenen Vereine also Konkurrenzdenken?

Das gab es früher vielleicht einmal. Im Zuge der WM 2006 haben wir mit der DFL ein Netzwerk für die Greenkeeper und Head Groundmanager ins Leben gerufen; inzwischen ist das eine große Vernetzungsplattform, die auch Hanseaten und Bayern verbindet. Die Mitglieder tauschen sich über Pilzerkrankungen der Rasen aus und geben sich Tipps für die optimale Bewässerung. Das 2006 eingeführte Qualitätskonzept zahlt sich aus, die Rasen in der Bundesliga haben insgesamt ein sehr hohes Niveau. Sogar die Engländer schauen ganz genau, was wir Deutschen da machen.

Fast vier Jahrzehnte Sportplatzbau – was vermissen Sie in Ihrem beruflichen Alltag?

Bei uns kommt das Gestalterische zu kurz. Wir haben ein Rechteck, das den Entwurf vorbestimmt. Natürlich kann man in einem Trainingszentrum wie dem des VfL Wolfsburg mit 13 Plätzen gestalterische Elemente einbringen. Aber ich nenne solche Anlagen inzwischen „Industriepark Sport“. In unteren Klassen werden Sportplätze ohnehin in die letzte Fläche geplant, da hat keine Stadt Land zur Verfügung, um das Ganze auch noch schön einzubetten. Früher habe ich mit Tusche einzelne Pflastersteine gezeichnet. Durch neue Computer-Programme ist das alles obsolet, was ich sehr bedaure. Manchmal gestalte ich noch für Freunde Gärten; das sind kleine Flächen, was das Ganze sehr anspruchsvoll macht.

Sie haben an der Hochschule Geisenheim Landschaftsarchitektur studiert. Was macht das Studium im Rheingau aus?

Es war eine schöne Zeit für mich – auch weil wir öfter mal Wein vom hochschuleigenen Weingut verkosten durften. Natürlich ist die Region unglaublich schön, das Studium in Monrepos hat eine gewisse Gemütlichkeit. Ich habe dort aber auch eine sehr gute Ausbildung genossen, sonst hätte ich es wohl nie so weit gebracht. Wir hatten viele Professoren, die uns wahnsinnig viel beigebracht haben, sei es in der Gestaltung oder im Bereich der Technik. Bodenkunde war manchmal anstrengend, aber die Theorie hat uns Professor Schaller, der Direktor der damaligen Forschungsanstalt, unglaublich praxisnah vermittelt. Später im Berufsleben habe ich schon das ein oder andere Mal gedacht: Da hätte ich vielleicht noch besser aufpassen sollen.

Sie sind jetzt Mitte Sechzig und wollen in wenigen Jahren in den Ruhestand gehen. Was sollten junge Landschaftsarchitekten mitbringen, die der neue Rasenflüsterer werden wollen?

Um Bundesliga-Freikarten allein sollte es den jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren nicht gehen. Man muss den Job und die Natur lieben. Bei mir ist es allein der Duft von frischem Rasenschnitt, der mich glücklich macht – und länger als drei Tage hält es mich selten an meinem Schreibtisch. Eine Technikaffinität muss auf jeden Fall da sein; allein unter einem normalen Bundesligarasen liegen 45 Kilometer Gummischläuche zur Belüftung und 28 Kilometer Heizschläuche. Planung und Ausführung erfordern zudem eine gewisse Projektsteuerungskompetenz, aber auch ökologische Fragestellungen spielen eine Rolle. Auf jeden Fall eröffnet das Studium der Landschaftsarchitektur ein vielfältiges Berufsfeld – nicht nur als Rasenflüsterer.

Wer sich für das Studium der Landschaftsarchitektur an der Hochschule Geisenheim interessiert, ist beim Studieninfotag am 5. November 2016 auf dem Campus Geisenheim richtig. Das gesamte Programm für den Tag gibt es auf www.hs-geisenheim.de/studieninfotag


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