Knapp 100 Mitglieder erhielten Einblicke in die Zukunft

Ein Bericht von Klaus Herrmann und Jon Hanf

Die 60. Fachtagung des BDO in Heppenheim an der Bergstraße Anfang Mai stand unter dem Motto Oenologie 6.0 – Fit für die Zukunft? Zugegeben, die 6.0 sind mehr einem kleinen Zahlenspiel geschuldet als dem tatsächlichen digitalen Fortschritt der Oenologie. Aber – um es vorwegzunehmen – die knapp 100 anwesenden Mitglieder kamen in den Genuss eines überaus aufschlussreichen und kurzweiligen Programms. Unser (immer noch) neuer Präsident Prof. Dr. Erik Schweickert begrüßte die Anwesenden im Saal der Bergsträßer Winzergenossenschaft mit dem Hinweis auf die besondere Zahl 60. Immerhin rund 1 Mio. Menschen in Deutschland feiern in diesem Jahr ebenfalls ihren 60. Geburtstag, erläuterte er. Die Fachtagungen des BDO gehörten zu den besonderen Highlights des lebenslangen Lernens einer Oenologin bzw. eines Oenologen, so Schweickert zu den Teilnehmern der Jubiläumstagung. Folgerichtig sei es von essentieller Bedeutung, dass die Oenologen sich fit machten für eine Zukunft, die von Digitalisierung und Automatisierung geprägt sein werde. Vor diesem Hintergrund solle sich jedes BDO-Mitglied selbstkritisch fragen, inwieweit die regelmäßige fachliche Weiterbildung noch zur Selbstverständlichkeit der Mitgliedschaft gehört.

Die Vorträge befassten sich zunächst mit Digitalisierung und Automatisierung in Weinberg und Keller. Das Thema Zukunftssicherung umfasste aber auch den reibungslosen Generationenübergang und die Übergabe an die Betriebsnachfolger, ebenso wie das ständige Reflektieren von Trends und Kundenwünschen, die die Weinstilistik besonders beeinflussen. Zu einer runden Sache machten die Tagung die Verkostung von historischen Rebsorten am Abend und die Besichtigung der Rebschule Antes am nächsten Morgen. Schließlich kennt niemand die nahe Zukunft des Weinbaus besser als die diskrete Zunft der Rebveredler.

Die Tagung startete mit einem für manchen Zuhörer erschreckenden Blick in die nahe Zukunft. Malte Schmeck, B.Sc., vom Spitzencluster Elektromobilität Süd-West (zu der vom Staat getragenen Organisation gehören 80 Firmen und Institutionen), erläuterte, wie Digitalisierung und Elektrifizierung heute schon alle Lebensbereiche durchdringen. Zwar ist die Basis der Elektrotechnik schon weit über 100 Jahre alt, aber der Akku sei noch immer die größte Herausforderung. Malte Schmeck stellte anschaulich dar, wie unser Leben immer weiter vernetzt und ein Löwenanteil der Wertschöpfung in naher Zukunft durch IT-Lösungen generiert werden wird. „Die Cloud hat den PC bereits abgelöst“, sagte er. Das Smartphone sei der Schlüssel zur Technik der Zukunft. Irgendwann wird man seinen Wagen mit dem Smartphone herbeirufen und ebenso wieder in die Garage zurückschicken. Das funktioniert sogar heute schon. Dem Zuhörer stellte sich dabei unweigerlich die Frage: Wer übernimmt in Zukunft wirklich das Steuer? Die unsichtbaren Figuren, die hinter Google, Amazon und Konsorten stecken? Im 20. Jahrhundert wurden dem Menschen durch Mechanik und Maschinen die größten körperlichen Belastungen abgenommen. Nimmt man uns im 21. Jahrhundert neben dem Autofahren auch noch das Denken ab? Alexa scheint zu allem bereit!

Adrian Hofmann von der Firma Scharfenberger, Bad Dürkheim, übersetzte das Thema auf die Situation in Weinberg und Keller. Lesemaschinen sind nach seiner Darstellung heute sehr groß bereifte Computer, die mit der Kelterstation kommunizieren und mitteilen, wieviel Lesegut in welchem Zustand und mit welchem Mostgewicht gleich aus welcher Lage angeliefert wird. Im Keller meldet der Filter an die Pumpe, wenn die Leistung abnimmt, und der Tank wiederum steuert den Abstich selbst. Der Kellermeister überwacht das Geschehen auf seinem Tablet oder Smartphone vom warmen Büro aus. Umgekehrt ist jede Flasche rückverfolgbar bis in die Parzelle, wo die Trauben gelesen wurden. Kommt also bald der autonome Weinkeller? Heißt der Kellermeister der Zukunft auch Alexa? Die Frage nach der Datenhoheit soll an dieser Stelle erst gar nicht gestellt werden.

In sehr kurzweiliger Art setzte Dr. Hans Gerd Severin, nach eigener Aussage Rentner und Student, dem Ausblick in die sehr nahe Zukunft mit seinem Thema Robotik anschließend das Sahnehäubchen auf. Als ausgebildeter Chemiker und lange Jahre sehr erfolgreicher Hersteller von Industrierobotern verstand er es, den gebannten Zuhörern das komplexe Thema nahezubringen. Nach seiner Aussage sind Roboter nicht Konkurrenten des Menschen und Jobkiller, sondern wichtige Garanten unseres Wohlstands. Roboter übernähmen eher die stumpfsinnigen, eintönigen Arbeiten und lieferten so einen Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt bei gleichzeitiger Steigerung der Produktivität. Aber sie erforderten auch besser ausgebildete Menschen, um sie zu bedienen. Die HMI, die „Human-Machine-Interface“, also die Schnittstelle Maschine-Mensch, sei heute der kritische Punkt. „Bleiben Sie neugierig“, empfahl er den Zuhörern zum Schluss seines Vortrags. Den Tagungsteilnehmern im Saal musste das nicht gesagt werden.

Der zweite Teil des Vormittags war dem Bereich Unternehmensnachfolge gewidmet. Als Einstieg befasste sich Prof. Dr. Andreas Kurth mit der Fragestellung, wie Weingüter „marktgerecht“ bewertet werden können. Dabei zeigte er auf, dass eine reine Substanzbewertung, die in der Praxis häufig Anwendung findet, für wirtschaftlich handelnde Käufer eines Weinguts nicht ausreichte und vielmehr eine zukunftsorientierte Bewertung auf Basis eines fundiert erstellten Business-Plans erfolgen sollte. In der anschließenden Podiumsdiskussion, an der Jürgen Willy (Rolf Willy GmbH/Württemberg), Hans Lang (ehem. Weingut Hans Lang/Rheingau), Markus Klumpp (Weingut Klumpp/Baden), Martin Fischer (Weingut Sonnenhof/Württemberg) sowie Valentin Brodbecker (Wine-Land) teilnahmen, wurden verschiedene Herausforderungen und Fallstricke bei einer familieninternen oder externen Unternehmensübergabe diskutiert und ein bisschen aus den Nähkästchen der Winzerfamilien erzählt.

Der Nachmittag war der Sensorik vorbehalten. Zunächst erzählte die „Geisenheimerin“ Julia Ehrke-Böhm aus ihrem Alltag in der Qualitätssicherung von Ferrero im hessischen Stadtallendorf. Die Zuhörer erfuhren nicht nur, dass auch bei der Verkostung von Schokolade gespuckt wird, sondern dass eine einzige Tagesproduktion von Mon Chéri ausreicht, um eine 357 km lange Pralinen-Linie von der Fabrik in Hessen bis nach Berlin zu legen. 11,9 Mio. Stück werden jeden Tag hergestellt. 15 LKW Zucker werden an diesem Standort des Weltunternehmens Ferrero jeden Tag verarbeitet, und insgesamt 42.000 Kühe produzieren die dafür notwendige Milch. Die Mitarbeiter der Qualitätssicherung müssen dabei nicht nur Schokolade, sondern auch die Rohstoffe Palmfett, Kakaobutter und Nüsse oder Halbfertigprodukte wie Waffeln verkosten. Die Techniken sind dieselben wie bei Getränken: Diskriminierungsprüfung (Dreieckstest), Hedonische Sensorik oder Profilprüfungen. Zu Verkosten gab es schließlich ein neues Produkt, die „Joghurt-Schnitte Himbeere“.

Prof. Dr. Ulrich Fischer schließlich blieb die Aufgabe, den Unterschied aufzuzeigen zwischen den Weinstilistiken von gestern und heute. Dabei bedauerte er den weitgehenden Verlust der Wertigkeit von Lagen und die mangelnde Eignung von Rebsortenangaben, ein besonderes Weinprofil aufzubauen. Als „take home message“ gab er den Zuhörern die Empfehlung mit, sich ein bisschen mehr mit Roséweinen zu befassen, denen er gute Marktchancen einräumt.

Zum Abschluss der Tagung hat der BDO am Samstag die Rebveredlung Antes (Antes Weinbau Service GmbH) in Heppenheim besucht. Hier wurden von Seniorchef Reinhard Antes und den Töchtern Anja und Heike die Herausforderungen der modernen Rebveredlung plastisch erläutert. Da neben den weinbaulichen Herausforderungen immer stärker die Beratung der Kunden hinsichtlich der wirtschaftlichen Konsequenzen der Wahl Unterlage/Klon im Zentrum ihrer Arbeit steht, wurde als gelungener Schlusspunkt der 60. BDO-Fachtagung der Bogen zwischen weinbaulicher Produktion, kellerwirtschaftlichen Herausforderungen und den Anforderungen des Markts geschlagen.

Im Rückblick war die ausgebuchte 60. BDO-Fachtagung eine runde und spannende Sache, die auch unter starker Beteiligung des studentischen Nachwuchses stattfand. Wir danken Otto Guthier, Geschäftsführer der Bergsträßer Winzer e.G., und deren Vorstandsvorsitzenden Reinhard Antes für die umfangreiche Unterstützung und die Gastfreundschaft. Alle BDO-Mitglieder dürfen sich schon heute auf die nächste BDO-Tagung im Jahr 2018 freuen, wenn wieder spannende und kurzweilige Themen geboten werden. Denkt immer daran: Man kommt nie dümmer nach Hause, als man weggegangen ist.

Bildquelle: Tina Kissinger

 

 

 


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