Prof. Martin Bocksch, Professor der Landschaftsarchitektur an der Hochschule Geisenheim, skizziert die wichtigsten Entwicklungen im Top-Fußballrasen seit der Anlage des Münchner Olympiarasens 1972

Fußball wird auf Rasen gespielt. Ein alter Hut, denkt der geneigte Fan vielleicht zunächst. Der ist grün, einfach ein Rasen, fertig. Doch weit gefehlt. Denn nicht nur die Beanspruchung der Spielflächen ist gestiegen, auch drum herum hat sich Vieles nicht gerade pflanzenfreundlich entwickelt. Diesen Entwicklungen wird heute beim Bau und der Pflege von Rasenflächen Rechnung getragen – mit immensem technologischem Aufwand.

Zur Zeit des Baues des Münchner Olympiastadions für die Spiele 1972 war es üblich, Rasenflächen in Sportanlagen anzusäen. Danach konnte die Rasennarbe, also der Bewuchs, nur noch durch Nachsaat verändert werden. In München haben die Verantwortlichen nach den Spielen mit der Pflanzung von einer besonders aggressiv wachsenden Grasart erstmals versucht, den Rasen für die Fußball-Weltmeisterschaft 1974 wieder fit zu machen – mit Erfolg.

Von der Ansaat zum Fertigrasen

Ein Erfolg, der sich später jedoch als Bumerang erwies. Das Gras wuchs zwar sehr aggressiv und hatte schon nach einigen Jahren den gesamten Platz erobert – wies unglücklicherweise aber nicht die für Fußball nötige Verwurzelung und damit Scherfestigkeit auf. Der Platz wurde wiederum zu einem Innovationsmotor im deutschen Fußballsport: Der vorhandene Rasen wurde abgeschält und innerhalb weniger Tage mit Fertigrasen belegt. Nach einigen Wochen waren die Soden angewachsen und zum Saisonstart konnte der neue, festsitzende Rasen bespielt werden.

Fertigrasen hat sich in den Folgejahren als Mittel der Wahl durchgesetzt, um abgespielte und unschön gewordene Rasenflächen auf Sportplätzen und in Stadien in kurzer Zeit wieder ansehnlich und belastbar zu machen. Die Technik dafür hat sich im Laufe der Zeit extrem verbessert. Moderne, belastbarere Gräserzusammensetzungen, größere Sodenmaße und unterstützende Verlegetechnik erleichterten dem Personal die Arbeit und beschleunigte sie; durch dickere Soden liegen diese ohne Verwurzelung bereits fest auf der Rasentragschicht und können schon kurz nach Verlegung bespielt werden.

Doch schon wartete das nächste Problem: Auf gefrorenem Boden spielt es sich nicht gut Fußball. Es war wiederum das Olympiastadion in München, welches als erstes deutsches Stadion mit einer Rasenheizung ausgestattet wurde. Damit wurde nicht nur das Gefrieren des Bodens, sondern gleichzeitig die Bildung einer Schneeauflage verhindert. Etwas, das der Fußballfan heute nicht mehr kennt: Seit 1998 schreibt die Deutsche Fußball-Liga für alle Stadien der ersten und zweiten Liga eine Rasenheizung vor.

Das dunkle Zeitalter des Rasens

Rund um den Fußballhype wuchs der Zuschauerzuspruch und mit diesem auch der Zuschaueranspruch. So wurden die Stadien stetig größer und für den Zuschauer immer komfortabler. Die Rasenfläche blieb jedoch stets gleich groß und an derselben Stelle. Überdachungen bis teilweise in das Spielfeld hinein wurden gebaut, damit die Zuschauer bei Regen nicht nass werden. Bei den beliebtesten Vereinen wurden die Stadien, heute Arenen, immer größer und immer höher gebaut – denn mehr Zuschauer bedeuten ja höhere Einnahmen. In der Folge wurde auf dem Rasen Eines Mangelware: Licht! Ohne Licht jedoch keine Photosynthese und damit kein Graswachstum und somit keine Regeneration der Schäden nach den Spielen und in der Konsequenz immer schlechterer Rasen.

Doch von den Rasenherstellern gab es Abhilfe: Stopfen! Beschädigte oder schadhafte Stellen in der Grasnarbe wurden einfach mit einer Art Ziegelstecher in verschiedensten Formen aus der Narbe entfernt und durch Sodenstücke, allgemein als „Stopfen“ bezeichnet, die mit einem gleichen Stechgerät aus einer guten Rasennarbe gewonnen worden waren, ersetzt. Heute kann man solche Stopfen von Rasenerzeugern bereits fertig kaufen und nach einem Spiel sofort zur Schadensbehebung verwenden. Teils mehrere hundert solcher Stopfen werden nach manchem Bundesligaspiel ausgetauscht.

Frischer Wind für den Stadionrasen

Rasen braucht jedoch nicht nur Licht, sondern auch Luftbewegung. Weniger hohe Tribünen, offene Ecken in den Stadien oder eine Laufbahn, die für Abstand zwischen Spielfeld und der Überdachung gesorgt hat, verschafften dem Gras eine Atempause. Um jedoch immer noch mehr Zuschauer in den Arenen unterzubringen, wurden die Ecken zugebaut und viele Rasenflächen im Zuge des Wegfalls der Laufbahn sogar tiefer gelegt, um die Zuschauer so näher an das Spielgeschehen zu holen – und noch ein paar Sitzplatzreihen unterzubringen. Luftbewegung auf dem Gras fand danach kaum mehr statt; mit unterschiedlichen negativen Auswirkungen auf den Rasen. Insbesondere der Effekt, dass die Halme und der Boden nicht mehr abtrocknen, erwies sich als großes Problem, denn damit gehen ein stärkerer Krankheitsdruck auf die Gräser und eine vermehrte Algenbildung einher. Beides ist schädlich für die Entwicklung, die Dichte und die Belastbarkeit der Grasnarbe.

Als ein wahrer Quantensprung für die Gräserentwicklung im Winterhalbjahr – wenn viele dieser Rasenflächen überhaupt kein Sonnenlicht mehr erreicht – erwies sich daher eine Innovation aus den Niederlanden. Im Land der Gewächshäuser war der Schritt der Beleuchtungsanlagen aus diesen hinaus auf die Rasenflächen der Topstadien dieser Welt ein kleiner. Heute stehen in fast allen deutschen Stadien solche Beleuchtungsanlagen. Von Oktober bis April wird damit der Rasen rund um die Uhr belichtet – nur für Spiele werden die Einheiten vom Rasen entfernt. Eine gute Rasenqualität auch in den Wintermonaten gibt dieser Entwicklung recht. Eine immer kürzere Winterpause hat den Druck auf die Vereine, sich solche Beleuchtungseinheiten zumindest für die besonders beanspruchten Tor- und Sechzehn-Meter-Räume anzuschaffen, stark erhöht.

Kohlenstoffdioxid-Zelte machen das Grün grüner

Heute gehen einige Groundsmen, wie sich die Stadion-Greenkeeper in Anlehnung an ihre britischen Kollegen nennen, sogar noch einen Schritt weiter und stülpen den Lampen ein Zelt über. Darin wird der CO2-Gehalt der Luft erhöht. Damit steigt die Photosythese-Leistung und somit das Wachstum der Gräser. Gerade auf den Torräumen, die besonders beansprucht werden, macht sich das sichtbar positiv bemerkbar.

An der Rasenheizung hat sich viele Jahre – außer der Heiztechnik und dem verwendeten Energieträger – relativ wenig verändert. Erst in den letzten Jahren entstand auch hier eine gewisse Entwicklungsdynamik, denn es gibt für das Gräserwachstum noch ein weiteres Problem: die intensive Belastung des Rasens durch Fußball, durch die Pflege und immer schwerere Geräte, aber auch durch völlig artfremde Nutzung des Stadioninnenraumes, für die die Gräser mit speziellen Platten abgedeckt werden. Das alles wirkt sich negativ auf die Rasentragschicht aus, sie wird immer kompakter und dichter. Wurzeln haben es darin schwerer und die für ihre Entwicklung so wichtige Bodenluft nimmt darin ab. Daher ist die Bodenbelüftung und -lockerung der Spielfelder nach jedem Spiel heute gängige Standardpflegemaßnahme.

Drainage für ein reges Bodenleben

Soweit so gut, dachten sich einige Tüftler. Wenn ohnehin schon Rohre unter der Grasnarbe verlaufen, warum sie nicht einfach hohl lassen – anstatt sie mit einer Heizflüssigkeit zu füllen – und zudem Löcher hineinmachen? Die Rohre bekommen in der Folge zwei Funktionen: Zum einen kann – wie in einer Drainage – Überschusswasser abgeführt werden, zum anderen kann Luft in das Rohrsystem geblasen werden. Kalte im Sommer zur Kühlung des Wurzelraumes und warme im Winter, um ein Einfrieren der Rasentragschicht zu verhindern. Gleichzeitig wird aber nun auch sauerstoffreiche Luft direkt in den Wurzelraum und die belebte Zone der Rasentragschicht gebracht. So werden sowohl das Bodenleben, welches ebenfalls Sauerstoff benötigt, als auch das Wurzelwachstum der Gräser gefördert. Die ersten Arenen in Deutschland sind in den letzten Jahren bereits mit dieser Technik ausgestattet worden.

Rasenstripping und Karriere-Chancen

Der Autor Prof. Martin Bocksch

Vieles davon ist heute fast schon wieder Standard, aber die Entwicklung hört nicht auf. So galten Hybrid-Rasensysteme, Kombinationen aus natürlichen Gräsern und Kunststoffarmierungen der Narbe oder der Rasentragschicht zuletzt als die Ultima Ratio. Sie verändern die Pflege der Flächen jedoch komplett, da nun kein einfacher Rasentausch mit Fertigrasen mehr möglich ist. Intensivste Nachsaat – mehrere Tonnen pro Jahr und ein jährliches radikales Rasenstripping – werden hier von Nöten. Umso wichtiger sind die Belichtung und die anderen Kniffe, um den Rasen über den Winter strapazierfähig und optisch ansprechend zu erhalten. Ein Grund für diese Hybrid-Rasensysteme, die vor allem spielstarken Teams zu Gute kommen: Der Platz ist ebenflächiger und Bälle verspringen seltener.

Ein Ende der Technologisierung im und unter dem Stadionrasen ist nicht abzusehen; Studierende der Landschaftsarchitektur sind prädestiniert, um die Entwicklung in der Zukunft mitzugestalten. Um in diesem hippen, aber auch lukrativen Markt anzukommen – und Fachkräfte werden hier händeringend gesucht – gehören Technikaffinität, Stressresistenz und hohe Planungskompetenz dazu. Der Studienschwerpunkt Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau ist das perfekte Sprungbrett für junge, engagierte und motivierte Studieninteressierte.

Und wer gleich durchstarten will: Eine Bewerbung für das Studium der Landschaftsarchitektur (B. Eng.) an der Hochschule Geisenheim ist noch bis zum 15. Juli 2017 möglich – alles rund um den Rasen und die technologischen Komponenten vermittelt Prof. Bocksch hier persönlich.


Keine Kommentare möglich.