Experten melden sich zu unterschiedlichsten Perspektiven zur geplanten Kennzeichnung zu Wort

Bildquelle: Winfried Schönbach, HGU

Ein Bericht von Simone Loose und Gergely Szolnoki

Wein genießt wie andere alkoholische Getränke bisher eine Sonderstellung und ist von der bei Nahrungsmitteln üblichen Kennzeichnung von Brennwert, Nährwert und Zutatenliste bisher ausgenommen. Die Europäische Kommission strebt bereits seit längerem die Vereinheitlichung der Kennzeichnung von Wein an. Sie hat deshalb der gesamten europäischen Branche der Hersteller alkoholischer Getränke bis März 2018 Zeit gegeben, um einen eigenen Vorschlag zu unterbreiten, wie Wein in Zukunft gekennzeichnet wird. Nicht überraschend gibt es zwischen den Herstellern von Wein, Bier, Sekt, Spirituosen und Fruchtwein sehr unterschiedliche Vorstellungen. Das macht laut der Experten eine termingerechte Einigung und einen gemeinsamen Vorschlag sehr schwer, wenn nicht gar unmöglich.
Zum Geisenheimer Forum kamen deshalb am 22. November 2017 Experten zu Wort, um die unterschiedlichsten Perspektiven (Politik, Verbände, internationale Organisationen, Produzenten, Konsumenten und Önologie) bezüglich der geplanten Kennzeichnung zu diskutieren. Im vollbesetzten Hörsaal zeigte Dr. Koehler vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft auf, welche politischen Absichten hinter diesem bisher einmaligen Vorgehen der Europäischen Kommission stecken. Seiner Meinung nach ist es auch nicht vollkommen klar, was passiert, wenn die Branche bis März keinen gemeinsamen Vorschlag in Brüssel auf den Tisch legt. Es kann seiner Meinung nach sein, dass das Anliegen dann für längere Zeit ruht. Es ist aber auch möglich, dass danach gesetzgeberische Anstrengungen der EK unternommen werden, um die vorhanden Lebensmittelinformationsverordnung LMIV auch für Wein geltend zu machen. Das würde dann eine komplette Kennzeichnung nach sich ziehen. Peter Rotthaus Bundesverband der Deutschen Weinkellereien und des Weinfachhandels präsentierte mögliche Lösungsoptionen für gemeinsame Vorschläge. Dazu gehörte auch die Option Wein wie Käse zu kennzeichnen, wo nur über den üblichen Herstellungsprozess hinaus genutzte Zusatzstoffe kennzeichnungspflichtig sind. Aus seiner Sicht wird die Option „weiter so wie bisher – ohne Kennzeichnung“ langfristig in Brüssel nicht tragfähig sein. Aus Sicht der Präsidentin des OIV, Prof. Monika Christmann, wäre das Angebot an Brüssel, den Brennwert (kcal/kJ) anzugeben, ein erstes wenig schmerzvolles Zugeständnis an Brüssel. In der engeren Abstimmung mit dem Codex Alimentarius ist außerdem angestrebt, die Bestimmungshoheit des OIV über Zusatzstoffe im Wein zu wahren. Prof. Dietrich, Geisenheimer Experte für Weinanalytik und Getränkeforschung, berichtete von Erfahrungen bei der Einführung der Kennzeichnungspflicht für Fruchtsaftgetränke. Seiner Erfahrung nach hat die notwendige Kennzeichnung bisher bei allen Produkten dazu geführt, dass der Einsatz von Zusatzstoffen stark hinterfragt und in der Folge reduziert wurde. Laut Prof. Dietrich wird die Reaktion der Verbraucher auch geringer ausfallen, als zurzeit vielleicht befürchtet.
Die Erwartungen und Befürchtungen der Produzenten unterscheiden sich laut Prof. Simone Loose teilweise sehr stark zwischen den einzelnen Betriebstypen. Während die befragten Genossenschaften zu einhundert Prozent über die Diskussion auf der EU-Ebene informiert sind, so sind dies bei den Weingütern nur 71 Prozent. Die Kellereien besitzen bereits Erfahrungen mit der Kennzeichnung aus dem Export und der Produktion alkoholreduzierter Mischgetränke, bei denen die Verbraucher ihr Verhalten aufgrund der Kennzeichnung nicht geändert haben. Deshalb steht aus Sicht der Kellereien auch die Frage nach den Prozesskosten und der Umsetzbarkeit mehrsprachiger Angaben auf dem Etikett im Vordergrund. Weingüter befürchten dagegen den Erklärungsbedarf und die Verunsicherung der Verbraucher durch die neue Kennzeichnung.
Wie reagieren Verbraucher tatsächlich, wenn sie mit den neuen Kennzeichnungen konfrontiert werden. Prof. Gergely Szolnoki präsentierte Ergebnisse eines Experimentes mit weininvolvierten Konsumenten, bei der zwar ein Großteil auf die Rückenetiketten schaute, aber nur eine geringer Anteil auch die neue Kennzeichnung bemerkten. Diejenigen waren anfangs tatsächlich überrascht, verwirrt und unsicher. Interessanterweise fanden die interviewten Weinkonsumenten die Liste der Zusatzstoffe aus Gründen der Transparenz und Fairness mit anderen Lebensmitteln interessanter als Brennwert- oder Nährwertangaben, die nicht als nützlich angesehen wurden.
Dr. Maximilian Freund stellte Optionen vor, wie der Einsatz einzelner Zusatzstoffe durch veränderte Arbeitsweise im Keller oder alternative physikalische Verfahren reduziert werden kann. Auch wenn viele physikalische Verfahren vor allem für kleinere Weingüter zurzeit noch nicht wirtschaftlich sind, ist bei stärkerer Nachfrage mit einer Kostendegression sowie einem Angebot durch Lohnunternehmer zu rechnen.
In der abschließenden Podiumsdiskussion von Vertretern aus Weingütern, Kellereien und Genossenschaften unter der Leitung von Dr. Pilz vom Meininger Verlag wurden die unterschiedlichen Perspektiven deutlich. Vor allem bei hochpreisigen Weinen wie Große Gewächse ist aus Sicht der Weingüter ein Trend zum Clean Labelling zu erwarten, bei der Zusatzstoffe möglichst vermieden werden. Damit wäre eine Zweiteilung des Marktes in der Form zu erwarten, dass eine Kennzeichnung von Wein im Lebensmitteleinzelhandel weniger stark wahrgenommen wird als bei Wein, der über Fachhandel, Gastronomie und Ab Hof vermarktet wird.
Das Geisenheimer Forum wurde inhaltlich von Simone Loose und Gergely Szolnoki vom Institut für Betriebswirtschaft und Marktforschung der Hochschule Geisenheim initiiert und organisatorisch vom Geisenheimer Institut für Weiterbildung sowie vom Bund deutscher Oenologen betreut.

 


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