Ein Jahr in den USA studieren: für Manuel Nolte wurde ein Traum wahr:

Als im Februar 2016 die Nachricht vom International Office Geisenheim kam, dass meine Bewerbung auf das Flossfeder Stipendium nominiert worden war, konnte ich mein Glück kaum fassen. Nachdem meine Unterlagen von Geisenheim an die UC Davis übermittelt worden waren, dauerte es dann noch einige qualvolle Monate bis schließlich die offizielle Bestätigung kam und der Einschreibungsprozess in Gang gesetzt wurde. Ich konnte mir damals kaum ausmalen wie diese außergewöhnliche Chance meine persönliche Zukunft verändern und bereichern würde. Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude und ich weiß wie spannend es ist, das viele Unbekannte auf eigene Faust zu entdecken. Das Ziel dieses Berichtes ist es deshalb, bei Euch potentiellen Bewerbern für das Flossfeder Stipendium Vorfreude auf die Zeit in Kalifornien zu wecken. Dabei erhebe ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern möchte meinen Aufenthalt mit Hilfe persönlicher Erfahrungen und Erlebnisse charakterisieren.

Nach der lang ersehnten Bestätigung aus Davis, dass in diesem Jahr ein Stipendium finanziert werden könne, fing der eigentliche Bewerbungsprozess erst an. Es mussten neben dem TOEFL-Test (Englischzertifikat) erneute Motivationsschreiben und Zeugniskopien eingereicht, das Visum beantragt, sowie Flüge gebucht werden. Durch zwischenzeitliche Phasen der Unsicherheit half mir der Erfahrungsbericht meines Vorgängers Constantin Heitkamp, welcher mir Gelassenheit im Umgang mit der amerikanischen Bürokratie empfahl. Schließlich kam der 12. September 2016, mein Abflugtag. Neben freudiger Euphorie hatte ich auch ein mulmiges Gefühl – beim Gedanken daran Familie, Freunde und die gewohnte Umgebung auf ungewisse Zeit hinter mir zu lassen.

Glücklicherweise hätte meine Ankunft in Davis herzlicher und unkomplizierter nicht sein können. So wusste ich, dass ich mit dem ehemaligen Geisenheimer und Flossfeder Stipendiaten Constantin Heitkamp in einer WG im sogenannten „German Appartment“ wohnen könnte, wodurch mir eine schweißtreibende Wohnungssuche im Wohnungshaifischbecken Davis erspart blieb. Außerdem hatte mir Constantin freundlicherweise angeboten mich vom Flughafen abzuholen. Auf der zweistündigen Fahrt nach Davis wurde ich regelrecht überhäuft mit neuen Eindrücken und Informationen. Einerseits durch die beeindruckenden Szenen, welche die Bay Area mit der San Francisco Skyline, der imposanten Oakland Bridge und den vielseitigen Landschaften zu bieten hat. Andererseits durch Constantins Erzählungen über seinen bisher 6 Jahre dauernden Aufenthalt in Davis und den kalifornischen Way of Life. Constantins selbstverständliche Hilfsbereitschaft ermöglichten mir in jeder Hinsicht einen einfachen Start. Er half mir bei allen offiziellen Angelegenheiten, konnte mich bei der Gestaltung meines Stundenplans beraten und am wichtigsten: Er machte mich mit der V&E Family, der weinbaulichen Fakultät und allen daran Beteiligten, vertraut.

Die 10 Tage, die mir vor dem Beginn des ersten Quartals noch blieben, wollte ich nutzen, um mir ein Bild von Davis und der Region zu machen. Davis ist eine typisch amerikanische Collegetown, in der, egal welchen Alters, so gut wie jeder etwas mit der Uni zu tun hat oder hatte. Die University of California Davis wurde 1905 zunächst als University Farm und Teil der UC Berkeley gegründet. Erst seit 1959 wurde sie als eigenständiger Campus im renommierten UC System aufgenommen, und hat sich seitdem mit heute ca. 36.000 Studenten zu einer Volluniversität entwickelt. Traditionsbedingt ist der Bereich Life Science sowohl in Forschung als auch Lehre von besonderer Bedeutung. Insbesondere die Disziplinen Veterinärmedizin, Lebensmittel-, Agrar- und Umweltwissenschaften sind in allen internationalen Rankings mit Höchstplatzierungen vertreten. Diese Schwerpunktlegung ist kein Zufall. Davis liegt etwa 1,5 Stunden östlich der Pazifikküste inmitten des gigantischen Central Valley, jener landwirtschaftlichen Wüste, in welcher 1/3 des amerikanischen Gemüse- und 2/3 des amerikanischen Obstbedarfs produziert werden. Auch wenn die direkte Umgebung mit ihren riesigen Wahlnussplantagen etwas eintönig erscheinen mag, ist Davis in vielerlei Hinsicht ein attraktiver Standort. Knapp 100 Meilen östlich von Davis beginnt die Sierra Nevada – das kalifornische Pendant zu den Alpen – welche mit Destinationen wie dem Lake Tahoe oder dem Yosemitee National Park unendliche Outdoormöglichkeiten bietet. Auf der anderen Seite kann die Metropolregion um San Francisco, die Bay Area, in 1-2 Stunden (je nach Verkehr) erreicht werden. Darüber hinaus befinden sich nördlich von San Francisco die berühmten Weinbaugebiete Sonoma und Napa, ebenfalls nur ein Katzensprung von Davis entfernt. Achja, habe ich schon die Pazifikküste mit ihren abenteuerlichen Kliffs und dem traumhaften Highway One erwähnt?

Doch freut euch nicht zu früh, die UC Davis verlangt einiges ab. Spaß beiseite: Das Highlight meiner Zeit in Kalifornien war tatsächlich das Studieren. Gleich nach meiner Ankunft wurde ein Termin bei der Studienberatung verabredet. Zwei Eigenheiten amerikanischer Unis: Die unglaubliche Freundlichkeit bei Studienbüros, Verwaltungsstellen und Dozenten, sowie die Tatsache, dass es für jede Fragestellung auch ein entsprechendes Office, eine sog. „Orientation“ oder ein „Social“ gibt. Dies hat mir den Einstieg ins Studium sehr erleichtert. Ich entschied mich dazu im ersten Quartal größtenteils Kurse der Weinbaufakultät zu belegen, obwohl ich schon ahnte, dass ich nach Davis höchstwahrscheinlich einen Master in einem anderen Feld als Weinbau machen wollte. Es war mir jedoch wichtig die schon erwähnte V&E Family – ihre Professoren und Studenten – kennenzulernen, weil dies schon immer ein essentieller Bestandteil des Flossfeder Stipendiums war. Außerdem wäre es schlicht ignorant gewesen, legendäre V&E Kurse wie „Wine Production“ von Dr. Linda Bisson oder „Viticultural Practices“ von Dr. Andrew Walker zu verpassen. Doch was macht den Reiz des Studiums in Davis aus Geisenheimer Sicht eigentlich aus? Es ist zunächst einmal die Intensität des Studierens. Durch das Quartalssystem dauern die Lernabschnitte immer nur 10 Wochen. Von der ersten Woche an gibt es in jedem Kurs Laborberichte, Essays und mehrere Klausuren zu absolvieren. Was sich vielleicht abschreckend anhört, hat mir gut gefallen, da so niemand in Versuchung kommt sich nicht mit der Materie auseinanderzusetzen und von Anfang an ein inspirierender Austausch stattfinden kann. Dazu kommt ein Berufsethos seitens der Professoren, jederzeit für Fragen und Hilfestellung da zu sein sowie der ehrliche Wille die Studierenden für ihr Fachgebiet zu begeistern. Wenn auch der Workload etwas höher war als in Geisenheim, ist mir das Studium in Davis leichter gefallen, weil es einem letztlich einfacher gemacht wird sich dafür zu motivieren. Ein weiterer großartiger Aspekt des Studiums in Davis ist die Breite des Lehrangebotes. Sofern kein Abschluss in Davis angestrebt wird, kann man dieses auch fast vollumfänglich nutzen und ganz nach seinen persönlichen und beruflichen Interessen ausrichten. In meinem Fall hatte sich mit der Zeit herauskristallisiert, dass ich nach Davis einen Master in Nutzpflanzenwissenschaften absolvieren wollte. Deshalb nutzte ich die Zeit vor allem um Grundlagen in Botanik, Bodenkunde, Statistik usw. aufzufrischen. Aber auch exotischere Fächer, wie ein Jazz-Ensemble oder ein praktischer Schlepperfahrkurs (inklusive Rennen) waren Bestandteile meines Curriculums.

Ein paar Worte zur V&E Family: Es gibt in Davis ein Bachelor-, sowie ein Masterprogramm in Viticulture & Enology, mit jeweils 15-20 Studierenden pro Jahrgang. Der Master ist nicht-konsekutiv und wird in der Regel von Quereinsteigern mit oftmals naturwissenschaftlichem Background und vorausgehender Berufserfahrung studiert. Viele der Kurse werden jedoch gleichzeitig von Bachelor und Masterstudenten belegt, wodurch es zu einer bunten Mischung verschiedener Biographien, Nationalitäten und Altersstufen kommt. In der weinbaulichen Fakultät, die mit dem Robert Mondavi Institute for Wine and Food Science (RMI) einen eigenen Campus besitzt, herrscht, ähnlich wie in Geisenheim, eine sehr familiäre Atmosphäre. Aufgrund der überschaubaren Studierendenzahl ist die Kommunikation untereinander sowie zu den Professoren sehr einfach. Ein sehr wichtiger Bestandteil des Studentenlebens am RMI ist DEVO (Davis Enology & Viticulture Organization), ein von Studenten getragener Verein, welcher zahlreiche Exkursionen, Partys und auch das berühmte Fundraiser Event “Winkler Dinner” organisiert. Es gibt außerdem den sehr engagierten Verkostungsverein “Vitis”, bei welchem sich alle +21-jährigen jede Woche zu Themen-Winetastings treffen können. Ein wichtiger Aspekt am RMI ist auch der Kontakt zur Industrie. Der Neubau des hochmodernen Forschungsinstituts wurde maßgeblich durch großzügige Spenden der kalifornischen Wein- und Lebensmittelbranche ermöglicht. Letztere hat der  UC Davis seit Beginn der weinbaulichen und önologischen Forschung zurecht großes Vertrauen entgegengebracht, in der Erwartung, dass von neuen Erkenntnissen letztlich die gesamte Branche profitiert. Diese Vernetzung erleichtert die Stellensuche erheblich, denn Professoren bemühen sich aktiv Ihren Absolventen mit Kontakten zur Industrie weiterzuhelfen.

 

Über das Studium am RMI und auch durch die Kontakte meines Mitbewohners Constantin bestand mein soziales Umfeld in Davis vor allem, aber nicht nur, aus Weinbaustudenten. Sehr bereichernd war für mich die kulturelle und biographische Vielfalt meiner Kommilitonen. Um nur einige zu nennen waren da zum Beispiel der Franco-Texaner Philippe – ein ehemaliger Weinraritäten-Händler aus New York, der bei regelmäßig in seinem Haus stattfindenden BBQ‘s mehr als großzügig mit seinen Restbeständen umging. Aris und Dimitris, zwei griechische Masterstudenten, mit denen ich zwischen den Jahren und am Ende meines Aufenthalts fantastische Roadtrips nach Südkalifornien, Arizona und Utah unternahm. Alex und Amelia, zwei liebgewonnene Freundinnen meines Mitbewohners, die für unzählige Festessen, Film- und Cards-Against-Humanity-Abende verantwortlich sind. Und schließlich Constantin, Wahlkalifornier par excellence, der erheblich zu meiner positive Erfahrung in Davis beigetragen hat. Alles in allem stand meine Bekanntschaft mit der gastfreundlichen und liberalen Mentalität der kalifornischen Bevölkerung im krassen Gegensatz zum negativen Bild der USA, welches durch den Ausgang der Präsidentschaftswahlen in Europa gezeichnet wurde.

Das Flossfeder Stipendium war ein großartiges Geschenk – ich kann mir nichts schöneres vorstellen was mir nach Abschluss meiner Geisenheimer Zeit hätte passieren können. Zunächst einmal hat mir  das Studium an der UC Davis geholfen, meine akademischen und beruflichen Ziele genauer zu definieren und mich auf einen universitären Master vorbereitet. Diesen beginne ich nun an der Universität Bonn in Nutzpflanzenwissenschaften mit dem Schwerpunkt „Precision Farming“. Ich durfte außerdem Kalifornien kennenlernen – Ein Land, welches in kultureller, landschaftlicher und nicht zu vergessen kulinarischer Vielfalt kaum zu überbieten ist. Ich konnte Freundschaften schließen mit interessanten und freundlichen Menschen und hoffe, dass diese trotz der Entfernung erhalten bleiben. Glücklicherweise ist die Weinbranche ja sehr mobil: Erst vor einigen Wochen habe ich Freunde aus Davis, die für die Lese nach Europa gekommen sind, im Moseltal getroffen…

Bis zum 22. November 2017 können sich Studierende aus den Studiengängen Weinbau & Önologie und Getränketechnologie für das Flossfeder Stipendium (Studium an der UC Davis ab September 2018) bewerben. Infos hier

 


Keine Kommentare möglich.